Qualität im regionalen Journalismus

Ein Mensch traf in der Fußgängerzone einen anderen und rief: „Ich glaube, ich habe Sie schon mal irgendwo gesehen.“ – „Das kann sein“, antwortete der andere, „dort halte ich mich öfter auf.“

Internet: Facebook, Google, Twitter. Das große Irgendwo. Alle Informationen stehen auf Klick zur Verfügung. Die bescheidenste Anfrage erzeugt ein globales Dröhnen mit Millionen Antworten. Der total verglaste User ist rund um die Uhr vernetzt. Jeder ist jederzeit auf Sendung. Weltweit. Für immer. Man fragt sich, wozu dann noch regionaler Journalismus?

Darauf gibt es nicht tausend Antworten, sondern nur eine: Wer sich am großen Selbstgespräch der Gesellschaft beteiligen will, braucht Medien. Er braucht aber auch die Fertigkeit und die Bereitschaft, damit sinnvoll umzugehen. Und wenn die explosive Ausweitung der Verfügbarkeiten alle Maße durch Masse sprengt, braucht er jemanden, der sagt: „Slow down. Schau mal genau hin. Das geht dich an. Ich bin dabei.“

Globalität, Regionalität und Qualität. Drei Koordinaten für einen modernen Journalismus, der seinen Daseinszweck erfüllen will.

Sein Blick ist weit, denn was irgendwo geschieht, geschieht überall. Sein Blick ist nah und tiefenscharf, denn alles, was die Leute betrifft, hat seinen konkreten Ort und seine Zeit. Er setzt auf Qualität, denn er hat Kriterien, die unbescheidener sind als Quote und Tempo. Sein Alleinstellungsmerkmal heißt Verlässlichkeit und Vertrauen. Sein Erfolgsgeheimnis heißt Mut und Geduld. Nur dann kann er den Mächtigen auf die Finger und unter die Teppiche schauen. Nur dann kann er die Tiefenströmungen der Gesellschaft ausloten und hüpft nicht als Korken auf der Oberfläche. Und wer die Ereignislage erfassen und adäquat vermitteln will, der muss sein Handwerk verstehen. Nur dann überlebt er auch seine Fehler.

Wenn ich die Zeitung aufschlage oder den Sender einschalte, erwarte ich Professionalität. Ich will keine Unterwerfung unter fremde Meinungen, auch nicht meine eigene. Ich will Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Und ich will kein verbales Geschwurbel, sondern Klartext, hier und jetzt. Wer noch üben muss, soll es nicht auf dem Bildschirm tun. Er soll mir gegenübertreten als einer, der etwas zu sagen hat „Komma weil…“. Er muss es können, um es zu dürfen. Mein Leben ist ja auch der Ernstfall. – Wem ich meine Zeit anvertraue, der soll sie nicht totschlagen. Das 5. Gebot heißt: Du sollst nicht töten!

Die meisten Leute leben in einem Areal, das sie mit dem Auto in einer Stunde durchqueren können. Hier kennen sie sich aus. Hier wollen sie die Neuigkeiten aus erster Hand, auch den Klatsch, auch die Todesanzeigen. Und hier wollen sie Teilhabe und Mitwirkung an den öffentlichen Dingen. Der Lokal- und Regional-Journalist kennt Land und Leute. Er mag beide. Er versteht ihre Sprache. Er versteht sogar ihr Schweigen.

Man fragte Audrey Hepburn, was sie unter Professionalität verstünde. Ihre Antwort war kurz und knapp: „Pünktlich am Drehort sein und den Text können.“ Auch der echte Journalist ist pünktlich am Drehort und kann seinen Text. Wenn er dem Gemeinwohl nicht dient, dient er zu nichts.

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