Meine Damen und Herren,

in zehn Tagen werde ich an dieser Stelle auf dem Wirtschaftsforum Düsseldorf über den Initiativkreis Ruhr sprechen. Die Unternehmer der Rheinschiene wollen sich den als Blaupause nehmen. Im weiten Zusammenhang wird es um Logistik gehen. Ist doch der Initiativkreis Ruhr ein Netzwerk zur logistischen Optimierung unternehmerischen und gesellschaftlichen Handelns in dieser Region. Seine Mitglieder verbinden industrielle Kompetenz und deren wertschöpfende Potenz mit systemischer Zusammenarbeit. Für Flachwurzler mag der Begriff „Industrie“ negativ belegt sein. Wir verwenden ihn mit Respekt und dem Wissen, welch Glücksfall es ist, dafür die richtige Basis und Tradition zu haben. Wer über Innovation und auch Logistik nachdenkt, hat im Initiativkreis ein Dauerabonnement.

Ich sehe hier zahlreiche herausragende Beispielgeber für diese Themen. Ich nenne einen: Erich Staake – der hat den Duisburger Hafen in einen logistischen „hot spot“ von hohem Rang verwandelt. Zusammen mit 128 Unternehmen und 18 Forschungsstätten ist er im EffizienzCluster LogistikRuhr gestaltend. Den fördert auch der Initiativkreis nach Kräften.

Aber was ist das, worüber wir hier reden? Mir fiel die Geschichte von dem Mann ein, der einen geschlossenen Lieferwagen durch die Stadt fährt: Alle 500 Meter hält er an, steigt aus und haut mit dem Stock gegen die Außenwand. Ein Passant fragt, was das soll. „Na ja“, sagt der Mann, „ich hab 2 Tonnen Wellensittiche geladen. Der Wagen ist nur für eine Tonne zugelassen. Jetzt muss ich immer die Hälfte der Vögel am Fliegen halten.“ Eine robuste Lösung für ein logistisches Problem. Die Frage, ob sie funktioniert, hat schon ein paar Köpfe rauchen lassen.

Ich wechsle das Niveau: Im Eingangsbereich des Fraunhofer-Instituts im Dortmunder Technologiepark gibt es eine Tafel. Darauf begrüßt ein merkwürdiger Satz den Besucher: „Der leere Raum ist der ideale Raum der Logistik.“ Vor dieser Tafel will ich einen Moment stehenbleiben: Das Thema der Logistik ist also nicht die Beschaffenheit der Dinge. Das ist Sache der Physik und der Produktion.
Logistik interessiert sich für den Zwischenraum:  Sie füllt die Leere zwischen Herstellung und Nutzung mit Intelligenz und Sinn. Im Getümmel der Warenströme ist Logistik der Augenblick des Verstehens. Die Dinge begegnen sich. Sie erkennen sich, sie reagieren auf einander. Sie verändern sich, nicht physikalisch, sondern in ihrer Kombination. Das Erfolgsgeheimnis dieses dynamischen Ensembles von Gegenständen, Kräften und Funktionen ist die Klugheit. In einem hochkomplexen Spiel führt jeder Zug zu einem neuen Verlauf.

Entscheidend ist, dass jederzeit sinnvolle und zielführende Entscheidungen möglich sind. Dazu braucht es Spiel-Raum, der Bewegung erlaubt. Es braucht einen Überfluss von Alternativen, unter denen man wählen kann. Dazu braucht es fein dosierte Kräfte, die verhindern, dass die unvermeidlichen Kollisionen zum Crash führen. Und es braucht ein Langzeitgedächtnis, das die gefundenen Lösungen speichert

Kurz: Logistik braucht weise Regeln.

Wir lernen gerade: Ein System kann an einer Stelle erfolgreich funktionieren, anderswo scheitern. Wenn ein Teilsystem von Gier und Raub lebt, zerstört es auf Dauer das Ganze. Unter den Bedingungen der Globalisierung kann das sehr schnell passieren. Nicht nur am Horn von Afrika. Ich bin nicht Techniker noch Programmierer. Ich hantiere nicht, sondern höre nur von „Transpondern“, „Stückgutzählung“, „Objekterkennung“ oder „intelligenten Ladungsträgern“. Aber ich sehe in den beschriebenen Grundgedanken eine interessante Analogie.

Auch Politik ist Logistik. Auch eine Familie, eine Schulklasse, eine Stadt. Das sind Systeme, in denen sich die Teilnehmer gegenseitig fördern oder behindern. Eine Gesellschaft kann zum gedeihlichen „Biotop“ von Chancen und Kräften werden oder verkommen. Hier wie dort geht es um die Gestaltung der Zwischenräume, um die Intelligenz der Regeln, um die Dosierung der Leidenschaften und Kräfte und den nachhaltigen Einsatz von Energie. Hier wie dort verändert sich das Ganze mit jeder Bewegung und Begegnung. Dass das auch falsch laufen kann, erleben wir nicht nur am Desaster des Berliner Flughafens. Die Gegenwart ist leider von dem heute schon verfügbaren Zukunftswissen weit entfernt. Vom Zukunftshandeln noch weiter.

Die Lücke wird auch durch Ihre Arbeit etwas kleiner werden. Ich danke allen, die gekommen sind und mitwirken. Ein besonderer Dank gilt denen, die diese Veranstaltung möglich gemacht haben.

Im Einladungsflyer zu diesem Kongress steht ein anspruchsvoller Satz: „Logistik ist die treibende Kraft in unserem Wirtschaftsleben, Logistik will unsere Welt gestalten und erhalten.“ An diesem Prozess Teil zu haben, ist – frei nach Goethe – nicht nur „ehrenvoll und bringt Gewinn“. Es macht sogar Freude, Lust und Vergnügen

Hier wimmelt es von „intelligenten Ladungsträgern“. – Ich freue mich darauf.

–       Es gilt das gesprochene Wort –

 

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