Galerie Goltz, Essen
Ausstellungseröffnung am 06. Oktober 2012

Begegnung der anderen Art

Verehrte Damen und Herren, lieber Burkhard Driest,

eine solche Vernissage ist immer ein interessanter Moment der Begegnung. Ein Künstler verlässt den Schutzraum des Ateliers und liefert sich aus. Ich habe das bei-nahe peinliche Gefühl, sehr intime Ergebnisse zu begaffen.

Wir schauen die Bilder an, ordnen ein, entziffern, was der Maler meint. Versuchen zu unterscheiden, welche Phasen seiner Entwicklung hier dokumentiert werden. Die Bilder sind für uns „Objekte“. Sie müssen es hinnehmen und aushalten. Wir können sie sogar kaufen. Wir bilden uns ein, sie zu betrachten.

Hier scheint es umgekehrt: Diese Bilder betrachten uns. Sie sind mehr als ein Entge-genkommen – (dass sie mehr sind, darf man von ihnen fordern) – sie nehmen uns in den prüfenden Blick. Sie wollen wissen, ob wir sie aushalten und ihnen gewachsen sind.

Burkhard Driest malt vitale Bilder. Man traut ihnen Ungehörigkeiten zu: Schelmen-stücke, ein geheimes Doppelleben. Vielleicht findet die eigentliche Ausstellung in der Nacht statt, wenn die Galerie geschlossen wird. Dann beginnt hier ein heimliches Getuschel und Flüstern. Dann besuchen sie sich gegenseitig. Sie betasten sich. Sie zeigen sich. Ein Grün sieht staunend ein Rot. Ein Pinselhieb steht linkisch vor einem zarten Farbverlauf. Eine Linie entdeckt das Wunder der Fläche. Themen oder Motive sind ihnen nicht wichtig. Alles Gedachte und Beschreibbare lassen sie hinter sich.

Am andern Morgen: Es nähern sich Schritte. Die Tür öffnet sich, und – husch! – hän-gen sie alle an ihrem Platz. Tun harmlos, als sei nichts gewesen. Aber wir spüren es doch: Spannung. Schweigen. So als gerieten wir plötzlich in eine fremde Gesell-schaft. Deren Gespräch verstummt, weil sie mehr über uns weiß als wir selbst.

August Macke traf es einmal in einem Satz: „Kunst ist Auftauchen an einem anderen Ort.“ – Sie ist immer Begegnung der anderen Art. Ich frage mich: Wie hält einer das aus? – Burkhard Driest antwortet: „Na ja. Ich bin auch noch Schauspieler, Schriftstel-ler, Regisseur, Produzent und – Lebens-Künstler.“ – Das verteilt die Spannung.

Auch ich fühle mich beobachtet. Deshalb will ich mehr nicht sagen.- Alles „Be-schreibbare“ steht im Katalog.

Ich danke Ihnen.
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