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Rheinbach, 30. Oktober 2012

Medienmanagement im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Meine Damen und Herren,
unser Gast ist Erik Bettermann, seit 2001 Intendant der Deutschen Welle.
Die „Welle“ ist ein Rundfunk- und Fernsehsender mit besonderen Eigenschaften, die
sich aus ihrem Auftrag ergeben. Ihr Programm richtet sich in verschiedenen Sprachen
an Zuhörer und Zuschauer im Ausland. Dort soll sie „deutschen und anderen
Sichtweisen zu wesentlichen Themen vor allem der Politik, Kultur und Wirtschaft sowohl
in Europa wie in anderen Kontinenten ein Forum geben.“ So steht es in § 4 des
Deutsche-Welle-Gesetzes
Der Sender ist also ein Träger der auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik
Deutschland. Er plant und begründet seine Vorhaben gegenüber Bundesregierung
und Bundesrat, ist aber eine Anstalt öffentlichen Rechts. Das heißt: Seine Programmarbeit
ist keinerlei Weisung durch staatliche Stellen unterworfen. Diese haben
nur eine Rechtsaufsicht und dürfen sich nicht in fachliche Angelegenheiten einmischen.
Die Deutsche Welle bezieht keine Rundfunkgebühren. Sie wird aus dem Bundeshaushalt,
also aus Steuergeldern, finanziert, darf aber auch über Werbung und
Sponsoring zusätzliche Einnahmen erzielen.
Der Intendant einer solchen Rundfunkanstalt ist die Spitze einer vielschichtigen Hierarchie.
Er ist für alles verantwortlich, kann aber nicht für alles zuständig sein. Also
muss er delegieren: an die einzelnen Direktionen, diese an die Sachabteilungen und
diese an die Redaktionen. Dort geschieht die eigentliche Arbeit: die Herstellung von
Programm. Sie ist der Daseinszweck der ganzen Veranstaltung.
Man könnte das auch anders herum beschreiben:
Auf breiter Basis werden Programmideen entwickelt und realisiert. Sie stehen im
Stoffwechsel mit der Gesellschaft. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen der Zuschauer
und an den Maßgaben der Rundfunkgesetze. Natürlich orientieren sie sich
auch an den technischen und finanziellen Gegebenheiten. Alles was sich dann darüber
an Hierarchie erhebt, dient nur dem Zweck, Räume zu öffnen und Wege zu
bahnen, frühzeitig Entwicklungen zu erkennen, Folgen abzuschätzen und das Programm
gegen unzulässige Einflussnahmen von außen abzuschirmen.
Das deutsche Rundfunksystem ist ein empfindliches Gleichgewicht aus öffentlichrechtlichen
und kommerziellen Sendern. Aufgrund historischer Erfahrungen ist sowohl
die föderale Struktur als auch die Freiheit der Presse verfassungsrechtlich stark
abgesichert. Die Versorgung mit Informationen und die Meinungsfreiheit in den Medien
gelten als Grundrecht. Es hängt nur von Einzelnen ab, wie weit er sie in Anspruch
nimmt. – Den Wert dieses Systems für die Demokratie und den Ausgleich der
Interessen hat noch keine relevante Gesellschaftsgruppe grundsätzlich geleugnet.
Was Auseinandersetzungen in Einzelfragen nicht hindert. – Man darf sagen, dass
uns die ganze Welt darum beneidet.
Über all dies weiß unser Gast viel mehr als ich. Deshalb will ich seinen Ausführungen
nicht vorgreifen und unser Gespräch nur mit ein paar Fragen und Thesen vorglühen.
Ist ein Intendant nur Manager, der eine komplizierte Gleichung zu lösen hat?
Geht es nur um Ressourcen, Strukturen, Personalien, also um die Mengenlehre der
Anstalt? Oder kann er dieser mit Temperament und Charakter ein ganz persönliches
Gesicht geben?
Ist die Finanzierung aus Steuergeldern eine Art Hängematte, in der man behaglich
dösen kann, oder muss man sich durch Fleiß und gute Ideen immer neu begründen?
Wie wird man Intendant der DW? Darf oder muss man einer Partei angehören?
Wird die Arbeit der „Welle“ von der hohen Politik wahrgenommen, oder beschränkt
sich diese auf Besetzungsfragen, die dann ohne Sachkenntnis entschieden werden?
Folgen die Programme vor allem dem Mainstream oder bedienen sie auch die Interessen
von Minderheiten und Randgruppen?
Was weiß man über die Nutzung und Wirkung im Ausland? Wer hört und schaut
überhaupt zu? Ist das Ganze eine Pflichtübung der Bundesrepublik Deutschland oder
bedient es ein wirkliches Bedürfnis? – Gibt es Rückmeldungen?
Führen die Programme in besonderen „Ausländern“ zu Konflikten mit dem dortigen
Regime und vielleicht zu diplomatischen Verwicklungen?
Mohammed-Karikaturen und Schmäh-Videos erzeugen in geschlossenen Gesellschaften
mit noch stark theokratischen Strukturen heftige Konvulsionen. Wie verhält
sich die Deutsche Welle? Wo verläuft die Grenze zwischen den Freiheitsstandards
des Westens und den Schutzbedürfnissen ethnisch-religiöser Gruppen in anderen
Kontinenten?
Gibt es eine realistische Chance für den „Dialog der Kulturen“, um den „Kampf der
Kulturen“ zu vermeiden?
Welche Kontrollmechanismen verhindern die Manipulation der Wirklichkeit durch
schlecht recherchierte Beiträge oder die ideologische Brille der Programmmacher?
Funktioniert die innerbetriebliche Demokratie? Können sich Redakteure gegen den
Druck der Hierarchie wehren, wenn diese auf das Programm durchgreifen wollen?
Die digitale Revolution erzeugt massive Strukturprobleme. Alles wird schneller und
mobiler. Auch im Ausland wird der immer gleich große Kuchen auf immer mehr
Hungrige verteilt. Ist das für die Welle ein Problem?
Gibt es auch bei der Welle den Kampf um die Einschaltquote? Steigert sie die Qualität
des Programms, oder verführt sie zur Absenkung des Niveaus, weil man den
Massengeschmack und die schnelle Sensationsgier befriedigen muss?

Wie sichert sich das Programm überhaupt gegen kommerziellen und politischen
Druck von außen?
Gibt es angesichts der totalen Enttabuisierung der Gesellschaft noch ethische Standards,
die man konsensfähig definieren und erfolgreich nach außen präsentieren
kann?
Wie verändern die Neuen Medien die Landschaft? Ist der Zwang zur ständigen
Diversifizierung des Angebots und zum medialen Cross-over eine Bereicherung, oder
behindern sie die Konzentration auf das Wesentliche?
Wem gehört das Internet? – Ist das nur ein neuer technischer Verteilungsweg, den
auch der Rundfunk für sein Programm nutzen darf, oder wildert er hier im natürlichen
Jagdgebiet der Kommerziellen?
Wie steht es um die Professionalisierung der Mitarbeiter? Ist dafür noch genügend
Raum und Zeit?
Orientieren sich die finanziellen Mittel bedarfsgerecht an der Sache, oder sind sie ein
politisches Instrument, mit dem sich die Parteien bei ihren Wählern profilieren können?
Welches sind die wichtigsten Herausforderungen der sichtbaren Zukunft? Ist der Begriff
„Welle“ nicht ein analoges Relikt, das den modernen Kommunikationsstrukturen
des „WWW“ nicht mehr entspricht? – Wird die unaufhaltsame Globalisierung nicht
auch den Auslandsbegriff ganz neu konjugieren?

Sehr verehrte Damen und Herren,
mit dieser von mir vorgetragenen, absichtlich noch unzureichenden Fragenbatterie
möchte ich Sie motivieren. In unseren Seminaren sollten Sie fragen, was immer
Ihnen in den Sinn kommt. Sie sollten hinterfragen und auf Vertiefung drängen. In unseren
Seminaren sollen Diskussionen und Vergleiche zwischen theoretischer Einordnung
und praktischen Abläufen die zentrale Rolle spielen.
Sie können sicher sein, dass die hochkarätigen Praktiker, die ich Ihnen in den Seminaren
als Gesprächspartner anbiete, daran Spaß haben – und für Ihre berufliche Befähigung
soll es nützlich sein.
Und nun erst einmal Flucht ins Konkrete: Wie sieht der typische Tagesablauf eines
Intendanten aus?

 

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