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Bottrop, 26. November 2012

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr verehrte Frau Schadt!
Im Ruhrgebiet ist man eher karg mit Worten. Man reimte mal über uns: „Sie halten ihr Wort, wie’s im Herzen steht / und sind auch höflich, – wenn’s nicht anders geht.“

Souveräne Menschen fühlen sich hier vom Fleck weg wohl.

In einem Interview haben Sie kürzlich gesagt, Ihr Amt verlange neue Disziplin beim Gesagten. Das gilt hier sehr entspannt. Wir mögen Unverstelltheit. Wir wissen: Klare Sprache folgt auf klares Denken. Demokratische Teilhabe bedarf der Reduktion der Komplexität. Diejenigen, die Unübersichtlichkeit stiften, wollen unter sich bleiben. Es tut uns gut, dass Sie gekommen sind.

Die Sorge um den Aufbau richtet sich meist nach Osten. Sie blicken in alle Richtungen. Die Erde ist außerdem rund. Wenn man weit genug nach Osten geht, kommt man irgendwann auch nach Bottrop.

Es lohnt sich nicht mehr, das schwarze Gold aus der Erde zu kratzen. Menschen woll-en das Gewohnte bewahren, auch wenn Besseres möglich wäre. Da weiß man, was man hat. Für uns hier ist der Wandel Alltag. An vielen Stellen ist er schon gelungen.

Sie warnten in jenem Interview „vor außergewöhnlichen Rettern“. Mit fällt dazu die Geschichte vom Löwenjäger ein. Nach dem Jagdausflug fragte einer, warum er denn fröhlich sei. Er habe doch keinen erlegt. „Oh!“ war seine Antwort, „Bei Löwen ist keiner schon viel!“

Wir haben gelernt, mit scharfen Kontrasten zu leben: auf engem Raum, zwischen den Zeiten, in guter Nachbarschaft mit Leuten aus allen Teilen der Welt. Das sind nützliche Eigenschaften für Umbruchzeiten.

Auch die Probleme reichen in die Zukunft. Die Soziale Frage stellte sich früh und scharf. Kontraste suchten nach Ausgleich. Der rasche Abbau des Bodenschatzes erwies sich als Raubbau an der Landschaft und hinterließ schmerzende Wunden. Für den schnellen Gewinn weniger Generationen zahlen alle folgenden. Infolge des Absenkens der Landschaft durch den Bergbau wäre das ganze Revier ein einziger See. Nur ständige Drainage hält es bewohnbar. Wir nennen das Ewigkeitslasten.

150 Jahre Strukturwandel in Permanenz. Man lebt in dieser Region nicht, um keine Probleme zu haben. Wir suchen Lösungen.

In Bottrop läuft ein zukunftsweisendes Projekt. Der Initiativkreis Ruhr baut und fördert InnovationCity Ruhr. 70 Unternehmen setzen ein Zeichen.

Vier Tage nach Weihnachten in diesem Jahr wird – nicht weit von hier – das Bergwerk West geschlossen. 2018 dann an diesem Ort die letzte Zeche. Wo die Energie der Vergangenheit aus dem Boden gegraben wurde, soll die Energie der Zukunft zeigen, was sie kann.

InnovationCity Ruhr regt andere Städte an. Ich erwähne zwei Menschen an den Stellhebeln: Burkhard Drescher – der Geschäftsführer hat das Projekt unermüdlich angefeuert. Oberbürgermeister Bernd Tischler übersetzt es in die Sprache der Stadt. Beiden herzlichen Dank!

Wir sind überzeugt: Was hier gelingt, muss anderswo nicht scheitern.

Das Projekt belegt die Bereitschaft heimischer Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung nicht nur für die eigene Bilanz und Belegschaft, sondern für die Region. Diese brauchen sie und die braucht sie.

Der Energiewandel ist das Thema des Jahrhunderts. Ein Paradigmenwechsel erster Ordnung.

Fortschritt ohne verbrannte Erde. Vom unbedenklichen Verbrauch hin zum dankbaren Gebrauch der anvertrauten Güter. Das ist Wachstum ohne böses Erwachen.

Ich sah einmal einen Aktionskünstler. Der hielt einen Globus zärtlich in den Armen und cremte dessen wunde Stellen ein: die Wunden von Gier und Größenwahn, die Schauplätze sozialer Ungerechtigkeit. – Das Bild will mir nicht aus dem Kopf.

Lieber Herr Bundespräsident,

auch das Ruhrgebiet hat wunde Stellen, aber hier arbeiten 5 Millionen Menschen an Diagnose und Therapie. Sie hantieren nicht mit weißer Salbe. Sie wollen Nachhaltigkeit und Wachstum versöhnen.

Seien Sie herzlich willkommen!
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