Als PDF herunterladen23. November 2012
– Vorwort Publikation BAPP zum Forschungsprojekt „Digitale Citoyens“

Gibt es ihn wirklich?

den „digitalen citoyen“? Wo wurde er gesichtet? Was weiß man über seine Eigenschaften, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Nahrungskette und sein Vermehrungsverhalten? Ist er eine neuartige Spezies, eine Mutation des Medienzeitalters oder nur ein „aufgeputzter Narr, der zu scheinen versucht, was er ist und immer war.“ (Erich Kästner)

Wir beobachten Erstaunliches. Von „Stuttgart 21“ bis zum „Arabischen Frühling“, von der plötzlich möglichen Energiewende bis zur anschwellenden Vernetzung Unzähliger bei Facebook und Co. – Offenbar gibt es neue Chancen für direkte Demokratie, Partizipation und Mitsteuerung. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft verlieren ihre angestammte Deutungshoheit. Plötzlich müssen sie sich um Akzeptanz bemühen, wo eben noch der Verwaltungsweg genügte. Die Kompetenz der Betroffenen artikuliert sich vor dem früher üblichen Hintergrundrauschen.

Wie verhält er sich, der digitale Bürger? Lässt er sich domestizieren und zu nützlicher Arbeit abrichten oder kennzeichnet ihn ein wildes Schwarmverhalten, das sich jeder Berechnung entzieht?
Der „Citoyen“ spielt in der Zivilisationsgeschichte eine wichtige Rolle. Er löste sich aus der starren Verbindung von Sippe, Stamm und Volk. Sein Treibhaus war die Stadt mit ihrer wuchernden Verdichtung von Kontakten, Ideen und Macht. Er entdeckte, dass Meinungen von Dingen wirksamer sind als die Dinge selbst.

Er war ein Derivat wirtschaftlichen Aufstiegs und der Aufklärung. Rousseau hat ihn sich ausgedacht, aber schon Montaigne hat ihn dargestellt als den kühlen Beobachter der öffentlichen Verhältnisse, mit einer Vision von Geschichte und vom individuellen Wert jedes Menschen in einer künftigen, humanen und universellen Zivilisation. Belesen war er auch, gebildet, mit Freude am Florettgefecht der Worte und Argumente.

Es gab ihn in verschiedenen Ausführungen. Der Möchte-gern-Citoyen gefiel sich als Zyniker. Er wusste das Skalpell zu führen, nicht aber das Wundpflaster. Er ging den Dingen an die Haut, ließ sie aber nicht an die eigene heran. Es reichte ihm, wenn die bestehende Ordnung zerfiel. Er hatte weder die Geduld, noch die Bereitschaft, sie neu und schöner aufzubauen.

Der echte Citoyen übernahm Verantwortung. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ war ihm nicht nur Parole oder politische Poesie, sondern umsetzbarer Bauplan, wohl wissend, dass er das Richtfest nie erleben würde.

Und nun haben wir den digitalen Citoyen. Ein neues Medium hat ihn sich erschaffen und bietet ihm unerhörte Möglichkeiten. Gigantische Informationsquellen stehen ihm auf Klick zur Verfügung. In Minutenschnelle organisiert er sich zu Bewegungen, wie sie früher nur durch jahrzehntelangen Leidensdruck entstehen konnten.

Ist er ein neues Kollektiv? Planscht er naiv und fröhlich im Nichtschwimmerbecken einer rechtsfreien Anarchie? Oder ist er Bürger der ersten wirklichen Individualgesellschaft? – Wer ist dieses unbekannte Wesen in uns oder nebenan?

Hoch-Zeit und höchste Zeit für einen umfassenden öffentlichen Diskurs und für Forschungsprojekte, die ihn begleiten, mit dem Besten, was sie zu bieten haben: gesicherte Kenntnis und überprüfbare Kriterien. Darum geht es in diesem Projekt. – Die Spannung steigt.

Als PDF herunterladen