Rheinbach, 4. Dezember 2012

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Ich grüße Sie!

Ich grüße Rüdiger Oppers von der NRZ in Essen.

Wenn uns heute der Chefredakteur einer großen Tageszeitung besucht, dann ist das kein entspanntes Kaffeekränzchen. Er kommt von der Front – quasi im Kampfanzug. Er berichtet vom Überlebenskampf der gedruckten Presse in Deutschland.

Gerade musste die „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz anmelden. Die „Financial Times Deutschland“ ist am Ende. Die Zeitschrift „Capital“ kann vielleicht gerettet werden. Kleinere Blätter verschwinden ohne viel Aufhebens. Große schreiben rote Zahlen. Sie sind durchaus bedroht. Szene-Zeitschriften (wie der Hamburger „Prinz“ und des Ruhrgebiets) erscheinen nur noch online. Das Wort vom „Zeitungssterben“ macht die Runde. Diesmal geht es nicht um saisonbedingte Schwankungen. Wir erleben dramatische Vorboten eines strukturellen Klimawandels. Anzeigenkunden brechen weg. Abonnenten kündigen. Herausgeber und Management sind ratlos. Ihre Maßnahmen verdecken vielleicht ein Symptom. Kluge Analysten finden vielleicht eine Diagnose. Die bisher vorgeschlagene Therapie ist schier wirkungslos.

Dabei ist ein Schuldiger bekannt. Er heißt Internet. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Im Gegenteil: Mit der Unschuld einer Naturgewalt bereitet sich das neue Medium explosiv aus. Es hält sich weder an Traditionen noch Grenzen. Er ist dabei, Beruf und Alltag und unser Verhalten tiefgreifend zu verändern. – Das geschieht nicht systematisch und geplant, sondern impulsiv und vegetativ.

Machen wir uns nichts vor: Gegenüber den klassischen Medien wie Buch und Zeitung hat das Internet enorme Vorteile:

  • Es schafft ein neues Verständnis von Aktualität. Die Tageszeitungen und die Abendnachrichten hinken hinterher.
  • Es eröffnet Gratiszugang zu einer ungeheuren Informationenfülle.
  • Es ermöglich spontane Kommunikation.
  • Es erlaubt unmittelbar und zeitgleich die Teilnahme an vielen Ereignissen in der Welt.
  • Ein riesiges Heer von Bloggern und selbst ernannten Experten steht bereit, alles sofort zu kommentieren und zu deuten.
  • Es knüpft ein globales Netzwerk von Personen, Institutionen und Kontakten aller Art.
  • Es ermöglicht Partizipation in einem bisher ungekannten Ausmaß.
  • Es organisiert in wenigen Augenblicken massenhafte Bewegungen.
  • Es integriert Bild, Text, Ton und Video zu einem multimedialen Verbund.
  • Die Geräte werden täglich mobiler, handlicher und erschwinglicher.

Der uralte Traum aller Medien – und besonders der Zeitung, das reale Universum medial zu spiegeln, scheint sich zu erfüllen. – Allerdings weniger in den Zeitungen.

Ist das ein unausweichliches Verhängnis, oder kann man die Entwicklung noch steuern?

Die Verlage müssen sparen, und wer den Betrieb systematisch durchlüftet, findet viele Möglichkeiten:

  • Sie bauen Doppelstrukturen ab.
  • Sie bündeln Kräfte und lagern Betriebsteile aus.
  • Sie verschlanken und dynamisieren die Abläufe.
  • Sie diversifizieren die Palette ihres Angebots.
  • Sie verringern die Eigenproduktion und kaufen Content bei Agenturen auf dem freien Markt.
  • Sie eröffnen eigene Online-Portale.

Und natürlich: Sie orientieren sich panischer als früher am Geschmack der Kundschaft, verzichten vielleicht auf provokante Wahrheiten, scheuen die Kontroverse und wollen um Gottes willen nicht die letzten Anzeigenkunden vergrätzen.

Hier wird es grenzwertig.

Das wichtigste Kapital einer Zeitung ist das Vertrauen ihrer Leser. Diese wollen umfassende Informationen und sauber recherchierte Beiträge. Sie hoffen auf Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Sie wollen den gut begründeten Kommentar und die anrührende Geschichte. Sie wollen Lebenshilfe und Unterhaltung.

Eine unabhängige und mutige Presse soll der Politik auf die Finger schauen und mächtigen Interessengruppen Paroli bieten. Die Leser erwarten mit gutem Recht, dass ihnen ihr Leib- und Magenblatt ein realitätsnahes Bild von der Welt vermittelt. Sie wollen sich einordnen können, um ihr verfassungsmäßig verbrieftes Recht auf Teilhabe wahrzunehmen. Sie wollen in der Wahlkabine ein informiertes, sinnvolles Kreuzchen machen.

Soweit die schöne Theorie. Die Realität hat hässliche Flecken.

Das mediale Crossover vernebelt das individuelle Profil der Blätter. Wirtschaftsredaktionen transferieren Pressemeldungen von Unternehmen ziemlich ungefiltert ins Blatt. Werbung und kritische Berichterstattung bilden unnatürliche Partnerschaften. – Das journalistische Gewissen droht aufzuweichen.

Mit sinkenden Printerlösen finanzieren Verlage Online-Auftritte. Damit sich das überhaupt rechnet, soll es so komplett wie möglich durch Werbung finanziert werden. Das verstärkt die Abhängigkeit vom Kommerz. Qualität kostet Geld. Das Web kann durch Breite nicht ausgleichen, was an Tiefe und Gründlichkeit verloren geht. Gratismedien können sich keine aufwändigen Recherchen und qualifizierte Mitarbeiter leisten. Statt abgewogener und hilfreicher Beiträge herrscht eine polemische Empörungskultur. Sie fördert nicht den kritischen Austausch von Informationen, sondern verschärft Extreme.

Hier tauchen grundsätzliche Fragen auf:

  • Die Presse ist ein Markt, aber ist sie nichts anderes als das?
  • Haben die Verlage die Entwicklung verschlafen und hecheln nun kurzatmig hinterher?
  • Gibt es auch eine Verantwortung der Medien-Nutzer, die sich an der allgemeinen Discount-Kultur orientieren: je seichter, desto leichter, je billiger desto besser.
  • Kann man sich damit trösten, dass es unserer Presselandschaft doch noch besser geht als in den USA oder anderswo?
  • Gibt es neue Möglichkeiten, die unabhängigen Medien zu stärken, vielleicht durch Stiftungen oder Genossenschaften oder durch staatliche Förderung?
  • Alle Verlage träumen von der Überwindung der Bezahlschranke im Internet. Aber es ist wie beim Mikado-Spiel, wer sich als erster bewegt, hat verloren. Wird aus Konkurrenten eine Solidargemeinschaft?
  • Lassen sich die Nutzer ihre Gratisgewohnheiten wegtrainieren?

Man darf gespannt sein.

Wir jedenfalls haben Stoff genug für eine Lagebesprechung an einem wichtigen Frontabschnitt unserer Gegenwart. Mit großen Auswirkungen für die Zukunft.

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