Als PDF herunterladenMax Planck Institut für Gesellschaftsforschung
Institutstag – Köln, 6. Dezember 2012

Verehrte Damen und Herren,

für die Einladung zu diesem Treffen danke ich. Sie zwingt – nein, sie lockt mich, über eine zu wenig diskutierte Schlüsselfrage nachzudenken:

„Was erwartet die Politik von der Wissenschaft – und was nicht?“

Vorab ein Suchscheinwerfer.

Hochtechnisierte Zivilisation in offener Gesellschaft entfaltet sich im Dreieck Politik – Wissenschaft – Kultur.

Jede Wissenschaft ist auch Politik. Das wissen wir spätestens seit dem Atomblitz über Hiroshima. Politik verliert sich ohne wissenschaftliche Fundierung im Wolkenkuckucksheim und in Parolen. Beides bleibt sinnlos und leer, wenn es sich nicht in Kultur verwandelt, in ein humanes Genom oder soziales Gefüge, in dem sich Kräfte und Begabungen jedes Einzelnen entfalten können. Seine Träume von Glück und Erfüllung im schmalen Zeitspalt seines – vermutlich einzigen – Lebens sollen auch Platz haben.

Gesellschaft ist ein komplexes Ensemble unzähliger Einzelheiten, Objekte, Ideen, Kräfte. Sie organisieren sich im verfügbaren Raum. Sie sind auf ständiger Suche nach einem dynamischen Gleichgewicht. Es muss auf plötzliche Attacken von außen mit Spannkraft reagieren. Hier scheint die politische Aufgabe eine Art „geistiger Logistik“ zu sein, um zeitgerecht zusammenzuführen. In einem funktionierenden System sind Krisen nicht Katastrophen. Sie sind belebende Herausforderung. Sie setzen Kräfte frei. Auch solche, von denen man nichts ahnte. Sie leuchten in dunkle Exklaven. Sie öffnen Türen, die verschlossen schienen.

Die neue Bewegung und Begegnung erinnert daran, dass alles miteinander zu tun hat und aufeinander angewiesen ist. Das hat Spielcharakter.

Wir wissen, wie aussagestark die Erkenntnisse moderner Spieltheorie für Politik, Wissenschaft und Kultur sind. Es ist aber nicht Spiel. Es hat tiefen Ernst.

Ich schließe meine Präambel mit einer dramatischen Anekdote: Im Klassiker „Heller als tausend Sonnen“ berichtete Robert Jungk von der Entwicklung der Wasserstoffbombe. Vor der ersten Zündung gab es eine Episode von mythischer Wucht. Im abgeschlossenen Zirkel der Wissenschaftler und Militärs war neue Sorge aufgekommen. Die Bombe, warnten einige, könne Zündfunke für eine globale Kernschmelze sein, die alles Leben auf der Erde auslöscht. Man forderte den Physiker Gregory Breit auf, den Wahrscheinlichkeitsgrad dieser ultimativen Katastrophe auszurechnen. Eine solche Verantwortung wollte der nicht übernehmen. Man hätte einen anderen – weniger guten Wissenschaftler – beauftragt. – Breit lenkte ein. – Er rechnete.

Nach Wochen kam er zu dem Ergebnis, dass ein solches Ereignis mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten werde. Ausschließen mochte er es nicht. Die Wissenschaftler standen unter Diktat der Politik. Sie haben es gewagt. Ein kleines Konsortium der Gattung Homo sapiens setzte die Existenz der Menschheit auf die eine Karte, dass sich ein Wissenschaftler nicht verrechnet hatte. Man tröstete sich mit dem winzigen Eintrittsrisiko der finalen Katastrophe. Draußen in der Welt ahnte niemand etwas.

Ein grelles Beispiel für die Verzahnung von Wissenschaft und Politik.

Aber es geht nicht immer ums Ganze. Der Alltag hat volatilere Erregungskurven. Geduldige Reihentests im Labor sind langweilig. Schauplatz von Wissenschaft ist nicht die einsame Alchimistenküche. Heute sind das hoch verdichtete Werkstätten. „Heureka – Ich hab’s!“ passiert selten. Ergebnisse werden von Teams gefunden. Weltweit vernetzt mit anderen Instituten. Der am Ende fällige Nobelpreis ist ein romantisches Überbleibsel. Der Ruhm des Einzelnen gebührt ebenso Mitarbeitern, Vorläufern und Handlangern.

In einer offenen Gesellschaft werden die möglichen Probleme zwischen Wissenschaft und Politik früher sichtbar. Im Diskurs der Öffentlichkeit können sich Konflikte schnell erhitzen, auch rasch wieder abkühlen. Schädlichen Auswirkungen kann man leichter ausweichen.

Was erwartet die Politik von der Wissenschaft und was nicht?

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