11. April 2013.
Lions Club Mülheim Ruhr

Meine Damen und Herren,

liebe Lions-Freunde,

schlechte Pfarrer predigen zornig auf Gottesdienstbesucher ein: Zu Wenige kommen. Es ginge den Bach runter. Die Welt sei schlecht. Sie verbreiten schlechte Stimmung. Die letzten Braven lassen dann die Köpfe hängen und suchen das Weite.

Im Ruhrgebiet wollen wir das anders machen. Wem das Wasser am Halse steht, der sollte nicht auch noch den Kopf hängen lassen. Schlecht geht es uns nicht. Wer etwas bewirken will, muss keinen Moment warten. Er oder sie hat eine Menge Möglichkeiten. Man kann ein sinnvolles Leben führen und lebt in chancenreichen Zeiten.

Kürzlich war Bundespräsident Gauck hier. Er bekannte sich ausdrücklich zu dieser Region. Besonders interessierte ihn das Energie-Projekt des Initiativkreis Ruhr InnovationCity.. Für den Bundespräsidenten bedeutet Aufbau nicht mehr zwanghaft „Osten“. Er blickt in alle Richtungen. Das ermutigt. Überhaupt: Die Erde ist rund. Wer weit genug nach Osten geht, kommt irgendwann nach Bottrop – oder Mülheim.

Was wird in 50 Jahren sein? Die Frage beunruhigt uns Ältere. Was kann man heute tun, um in 50 Jahren mit Wirkungen dabei zu sein? Zukunft ist Bewegung. Sie liegt nicht hinter dem Horizont. Sie geschieht jetzt und hier. Jede neue Idee oder Erfindung korrigiert Prognosen. Es gibt moderne Betriebe, die kein Umsatz-Soll mehr planen. Sie suchen nicht Oasen. Sie bohren einen Brunnen. Sie tun das Nötige und Mögliche. Am Jahresende wissen sie, was am Jahresanfang nur Papier gewesen wäre.

Erich Kästner gab den Rat: „Bessert euch drauflos!“

Wann ist Strukturwandel abgeschlossen? – Ich hoffe nie. Dann wäre er misslungen. Wandel ist keine Durststrecke, keine Krise, kein defizitärer Zustand, den man möglichst schnell hinter sich bringt. Wandel ist das gewollte Neue.

Nur wer sich ändert, bleibt sich gleich. Lessing schrieb seinen gräkomanen Zeitgenossen ins Stammbuch: „Wenn ihr die Alten Griechen unbedingt nachahmen wollt, dann doch bitte in dem, was sie so besonders machte, in ihrem Erfindungsgeist.“

Wir im Ruhrgebiet sind geübte Strukturwandler. Hier war 150 Jahre Strukturwandel in Permanenz. Alles geschah „Hals über Kopf“. Idyllisches Agrarland kollidierte mit wuchernden Städten. Kornfelder stießen an Zechen, Hochöfen und Walzwerke. Tageslicht wechselte in Minutenschnelle gegen Grubenlampe. Fremdarbeiter strömten von allen Seiten herein. Eine kleinteilige Gemeindestruktur kontrastierte mit dem Fernweh großer Kapitalgesellschaften. Es war ein Sturz in die Zukunft. Er weckte und trainierte enorme Kräfte.

Er hinterließ auch Narben. Bis heute präsentiert Vergangenheit ungedeckte Wechsel. Ich nenne die Landabsenkung durch den Bergbau. Die Lippe ist über viele Kilometer „Schwebebahn“. Elf Meter hohe Deiche halten sie zusammen. Das Revier stünde unter Wasser, wenn man nicht ständig abpumpen würde. „Ewigkeitskosten“ – das Wort trifft den Kern.

Mühsam lernt die Welt das Wort „Nachhaltigkeit“. Wir wissen, was es bedeutet. Wir waren die „künftige Generation“ unserer Vorfahren. Das erschwert Wandel. Man kann ihn aber schaffen. Uns wundert Jammern von Banken, die ihre Strukturkrise selbst verschuldet haben. Wir haben die Phase des Selbstmitleids längst hinter uns.  […]

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