Für Zyprioten war das Glas halb leer. Ihren Politikern und Bankern schien gelungen, vom eigenen Versagen abzulenken. Das üppig zahlende Deutschland wurde als Sündenbock ausstaffiert. Das Volk zog wütend auf die Straße.

Dabei war das Glas halb voll. – Rolf Dieter Krause, ARD-Korrespondent in Brüssel, traf den Nagel auf den Kopf: Man sollte den Zyprioten sagen: „Hört her! – Eure Banken stehen vor dem Crash. In Kürze verdunstet Euer Geld. Es gibt eine Chance, um eure Einlagen zu erhalten: Verzichtet auf Zinsen der letzten vier Jahre. Dann kommen zehn Milliarden aus Europa. – Was haltet ihr davon?“ – Vermutlich hätten alle zugestimmt.

Das Debakel – ein Kommunikationsfehler ersten Ranges? Die großen Entscheider in Brüssel und anderswo – diplomatische Stümper? Sollten nicht alle das kleine Einmaleins der Kommunikation lernen, bevor sie den Porzellanladen betreten?

Die Fragezeichen sind Höflichkeitsfloskeln. Ausrufezeichen wären ehrlicher.

Nebenbei wird den mit Niedrigzinsen abgespeisten Sparern hier ihr Substanzverlust als Bankenrettungsbeitrag oder Sozialbeitrag für die, die weniger sparen, verkauft. Dass sie für Kapitalerträge zu wenig Steuern zahlen, schreien ihnen tägliche Schlagzeilen entgegen. Einen erstaunlichen Paradigmenwechsel gab es. Dass Staatsschulden mit Bankenrettung zu tun haben, scheint vergessen. Man nennt es nun Eurokrise. Trotz guter Taten aus Berlin gibt es Prügel.

Phantasien und Blockaden entstehen im Gehirn. Es kommt nicht nur auf Tatsachen an, sondern darauf, welches Bild wir uns davon machen. Wie sie entziffert und aufgenommen werden, hängt vom Zustand der Beziehungsebene ab. Ist diese gestört, braucht man gar nicht erst den Mund aufzumachen. Man kann sich nur Ärger und Widerstand einhandeln. Gute Kommunikatoren und Mediatoren verstehen es, selbst eine Hiobsbotschaft erträglich auszusenden.

Ein Sultan träumte, dass alle Vögel in seinem Garten vom Baum fielen. Er rief den Traumdeuter. Der machte düstere Miene: „Wehe dir! Alle deine Verwandten werden bald sterben.“ Der Sultan war ‚not amused‘. Wütend ließ er ihn köpfen. – Der zweite Traumdeuter war klüger: „Freue dich, o Herrscher der Gläubigen“, strahlte er, „du wirst alle deine Verwandten überleben!“ – Der Sultan war glücklich, und reich beschenkt ging der Mann davon.

Er hatte es verdient.
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