10.05.2013

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Der Uli Hoeneß in uns

 

„Wer bin ich − und wenn ja, wie viele?“ Der Titel von Richard David Precht passt zur Causa „Hoeneß“. In Talkshows gab man sich mächtig erschüttert, ein wenig zu eilig, zu theatralisch Beifall heischend. Eine Nation von Saubermännern und -frauen war sich einig: Wer so was tut, ist entlarvt und final erledigt. Alles, was er sonst noch tut oder getan hat, erwiese sich als verlogen. Selbsterhöhung potenziere eigene Fallhöhe. Die eine Seite des Uli Hoeneß war plötzlich seine einzige.

Das macht nachdenklich. Wer so eifrig und kollektiv auf den Busch eines anderen klopft, sitzt meistens selber drin oder fürchtet den Täter in sich: Als kleiner oder größerer Steuersünder oder als Allzumensch mit vielen Gesichtern. Unser moralisches Führungszeugnis ist nur selten ein integres Meisterwerk. Wir sind ein Flickenteppich aus hellen und dunklen Streifen. Wir vergessen – auch die Spendengeschichte des nun kräftig austeilenden Bundesfinanzministers. Wir machen den aufgetürmten Ankläger und haben zugleich eigene Leichen im Keller. Jede Totenrede schwärmt vom liebevollen Mitmenschen, treusorgenden Vater und redlichen Pflichterfüller. Der andere, der Haustyrann, autoritäre Kotzbrocken und Pedant kommt nie vor. Man weiß auch warum: Der braucht keine Todesanzeige, denn er stirbt nie.

Martin Luther war ein mutiger Reformator und zugleich Verräter an den Bauern in ihrem Kampf gegen die Unterdrücker. Richard Wagner war Antisemit, aber er schrieb wunderbare Musik. Goethe lag politisch völlig daneben, aber der „Faust“ – alle Achtung! – Beethoven verschliss in einem Jahr achtzehn Dienstboten, und doch wurden in der Neunten „alle Menschen Brüder“.

Das rechtfertigt keinen Antisemitismus, keine Ausbeutung, ganz sicher keine Steuerhinterziehung, aber es hilft uns vielleicht, etwas leiser zu erschrecken über Abgründe in jedem Menschen, auch in uns selbst. Goethe ließ keinen Zweifel: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“. Aber er gestand auch: „Es gibt kein Verbrechen, dessen ich nicht unter bestimmten Umständen ebenfalls fähig wäre.“

Der Mensch, der in sich nur eine Wahrheit hat, ist noch nicht erfunden, und – mal ehrlich – wer wollte ihm begegnen! Conrad Ferdinand Meyer lässt seinen Protagonisten in „Huttens letzte Tage“ sagen: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch. / Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

 

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