5. Juni 2013
Rotthege / Wassermann
FOM Hochschule für Oekonomie & Management, Essen

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Verehrte Gäste,

in Berlin tobte 1848 eine Revolution. Ein Schlesier verließ vorsichtshalber die Stadt. Er floh vor Barrikaden und Pulverdampf in Richtung Heimat. Auf jeder Poststation fragten ihn die Leute aufgeregt nach den schrecklichen Ereignissen. Ihm fehlten nach und nach die Worte. Zuletzt brachte er alles auf einen Punkt. Er sagte nur noch: „Bumm!“

Im Kalten Krieg war die Ost-West-Kommunikation ähnlich elementar und dürftig. Was hinter dem Eisernen Vorhang passierte, klang immer nur wie „Bumm!“. Die Propaganda in den Sowjet-Staaten hatte für westliche Ereignisse auch kein anderes Wort. Für Konrad Adenauer begann Asien schon im Oberbergischen. Gleich hinter Köln.

Das hat sich geändert. Die Welt ist ein Dorf. So haben wir’s gelernt. Im geschlossenen System „Erde“ braucht jeder jeden. Das ist manchmal unbequem. Man muss Rücksicht nehmen, sich von kuscheligen Vorurteilen verabschieden. Die Schlagbäume sind verschwunden. Oft ist das vorteilhaft. Manchmal ist es gefährlich. Übeltäter nutzen die Gunst der neuen Verhältnisse für ihre Zwecke.

Menschen, Ideen und Waren floaten frei durch riesige Räume. Ganze Erdteile sind jetzt „Heimat“. Da sollte uns Mittel- und Osteuropa nicht fremd sein.

Mit der Öffnung der Eisernen Vorhänge veränderten sich nicht nur die Beziehungen der kalten Kriegsgegner. Auch der Westen ist dabei, sich neu zu besinnen. Nicht nur auf sich selbst. Keine Rede vom Ende der Geschichte – wie vor ein paar Jahren eine wissenschaftliche Abhandlung betitelt war.

Außenbeziehungen sind nicht nur Sache kleiner, verschworener Gruppen. Sie sind nicht von einzelnen Regierungen arrangierte Ehen. Sie sind Herzensangelegenheit aller Weltbürger. Deren Horizont endet nicht am Tellerrand oder Gartenzaun. Wer andere Gründe braucht als Herzlichkeit, der findet die mit Sicherheit.

Die deutsche Wirtschaft ist vom Außenhandel abhängig. Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die EU. Noch sind deutsche Exporteure Titelverteidiger. Doch schwinden die Zuwachsraten. Aus der Finanz- und Schuldenkrise ist in den Südstaaten eine handfeste Rezession geworden.

Das wirkt sich aus. 2012 schrumpften deutsche Ausfuhren in die EU um 13 Prozent. Ohne Osthandel und Chinahandel wären die ökonomischen Wetteraussichten neblig bis trübe. In den vergangenen Jahren gab es hier zweistellige Wachstumsraten.

Mit Russland lagen sie um die Hälfte über denen des deutschen Außenhandels insgesamt. Auch volumenmäßig führt Russland die Hitliste mit 80,5 Milliarden Euro an. Polen mit 75,7 Milliarden Euro und Tschechien mit 64,8 Milliarden Euro auf Platz 2.

Auch das ist kein Selbstläufer mehr. China holt weltweit mächtig auf. Seit 2007 sank der deutsche Vorsprung von 105 auf 35 Milliarden Dollar. Er wird im laufenden Jahr komplett verdunsten.

Die deutsche Solarindustrie hat es erlebt. Andere Branchen werden folgen. Die Idee, sich dagegen mit hohen Strafzöllen für chinesische Importe zu wappnen, ist ein gefährlicher Irrtum. Sie sägt am Ast, auf dem wir sitzen. Es geht um mehr als um das Zusammenschrauben von Kollektoren. Wenn der Handel an einer Stelle lahmt, ist ein Handelskrieg das falscheste Mittel, ihn zu beleben.

Im „Reich der Mitte“ paart sich ein rigoroser Staatskapitalismus mit einer jungen Generation erfolgswilliger Aufsteiger. Dieses Junktim ist eine brisante Multiplikation der Kräfte. Ich war bis Ende letzter Woche mit Wissenschaftlern da. China wird der Weltwirtschaft noch manche Linie ziehen, auf der diese dann zu schreiben hat.

Wir reden von einem Land mit über einer Milliarde Einwohnern. Wir reden von einem Staat, in dem große Projekte und Trends nicht auf Konsens und Partizipation achten. Gewiss, China wird bei seiner rasanten Entwicklung auch Fehler machen. Aber die dürften uns nicht freuen. Wir selbst werden dann ebenfalls darunter leiden.

Zwei harmlos scheinende Symptome belegen den Wachwechsel an der Spitze des Außenhandels: Westliche Firmen finden in China nicht mehr das wohlfeile Billig-Lohn-Land. Eine verlängerte Werkbank können sie für den heimischen Binnenmarkt trotz hoher Gewinnmargen nicht mehr zu Schleuderpreisen einsetzen. Auf der Suche nach Hungerleidern sind viele schon weitergezogen. Die Katastrophe in Bangladesh zeigte, wo sie sich zur Zeit aufhalten.

Zweitens bezeugen sorgenvolle Mahnungen Chinas an die Euroländer, wie viel Geld sie schon in Europa angelegt haben und nicht verlieren wollen.

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