Dass die Griechen nicht-existente Rentner ernährten, wussten wir schon. Mit etwas mediterraner Fantasie konnte man dem löchrigen Meldeamt einen Phantom-Opa unterjubeln, und für die Hinterbliebenen ging das Leben weiter.

Aber nun erweist sich auch die lückenlos geglaubte Verwaltung der Bundesrepublik als lückenhaft. Die Ergebnisse des letzten Zensus sind der Beweis. Seit Jahren wanderten gewaltige Löcher unbemerkt durch die Statistik. Gefühlte Großstädte waren es gar nicht. Sarrazins Angst vor den Migranten war um eine Million zu groß. Berechnungsgrößen für Schulklassen und Lehrerbedarf, Geldzuwendungen an die Länder und Gemeinden oder das Ranking der größten Städte überhaupt, alle lagen beträchtlich daneben. Statt komplexer demografischer Formeln hätte auch der breite Daumen genügt. Ein Hauch von Bescheidenheit weht durchs Land.

Aber was nun?

Brauchen wir vermehrte und vermehrende Anstrengungen im Sinne Kardinal Meisners? Sind alle repräsentativen Befragungen unschärfer als angenommen und bisher steif und fest behauptet? Müssen wir uns fragen, warum Menschen unserem Land den Rücken zukehren, ohne sich auch noch abzumelden? Sollten wir uns freuen, in einem Land zu leben, das nicht bis auf jede Stelle hinterm Komma statistisch erfasst und durchgerechnet ist?

Den digitalen Denkern mit ihren Prüfsummen und Error-Meldungen bei geringsten Abweichungen könnte ein wenig „analoges“ Empfinden guttun. Es bildet die Realität hinreichend, aber nicht erschöpfend ab. Es übt die Spannkraft für das Unberechenbare. Es lässt die Maschen unserer soziologischen Schleppnetze groß genug, damit die kleinen Fische durchschlüpfen und weiterwachsen können. Ich mag den Mathematiker, der auf die Frage, wie viel 2 mal 2 sei, seinen Rechenschieber zückte und antwortete: „Irgendwas um 4 Komma Null“.

Die Mielkes aller Zeiten träumen von vollständiger Erfassung. Eine Gesellschaft wird menschlicher, wenn sie den Mut zur Lücke hat.

Im Zirkus sah ich einen Jongleur, der fünf verschiedene Gegenstände umherschleuderte. Plötzlich fiel eines der Objekte zu Boden. Er ließ sich nicht beirren, denn nun wirbelte – für jeden sichtbar und immer an der richtigen Stelle – eine Lücke umher. Das Nichts behauptete seinen eigenen Wert, und wer eben noch staunte, jetzt musste er grenzenlos bewundern.

Als PDF herunterladen