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Sehr geehrte Frau Piel,
sehr geehrter Herr Dr. Stoiber,
sehr geehrter Herr Dr. Clement,
sehr geehrter Herr Tyrock,
meine Damen und Herren,

schön, dass Sie der Einladung gefolgt sind. Unser Thema ist von größter Wichtigkeit.

Einfaches Deutsch erscheint nicht angemessen. Kein geringerer als Homer oder Vergil müsste begrüßen, die Leier zücken und „anheben“ – mit Donnerstimme, so dass die 27 Parlamente vibrieren und Beamte feuchte Augen kriegen:

Künde mir, Muse, die Taten der Frauen und Männer,
welche Europa, die Heimat unserer Völker geschaffen,
oft schon und mutig den Stier bei den Hörnern ergriffen,
um dem Bösen zu wehren und geduldig das Gute zu fördern!

War’s nicht ein Stier, der schon damals die liebliche Jungfrau Europa
vom heimischen Strande entführte, hinaus in das schäumende Meer?
War es nicht Jupiter selbst, der des Stieres Maske sich wählte,
um heimlich und lüstern der arglosen Beute zu nah’n?
Übles hatte er vor, tat zunächst sittsam, bescheiden und hoffte,
die Herde zu täuschen, die sich begnügte mit dem, was ihr zustand,
friedlich grasend und ohne das nahe Verhängnis zu ahnen.

So war er, der Göttervater. Anstatt eine tugendsame Ehe zu führen, leckerte es ihn nach irdischen Töchtern. Man muss zur Kenntnis nehmen: Europas Gründungsmythos ist ein Knäuel von Straftaten. Das reichte von arglistiger Täuschung über Menschenraub bis Unzucht mit Abhängigen.

Der Bösewicht war Wiederholungstäter. Fünfzehn vergleichbare Übergriffe konnte man ihm nachweisen. Er kam als Schwan, als Mondstrahl oder Kuckuck. Immer ging es um das Eine.

So gesehen darf uns die wilde Geschichte dieses Kontinents nicht wundern. Streit und Gier, Leidenschaft und Betrug, Egoismus und Arglist lauerten stets dicht unter der Oberfläche von Christentum, Aufklärung, Neunter Sinfonie. Immer gab es auch aufrechte, mutige und pfiffige Bürger,  weitsichtige Politiker, Parteien und Parlamente. Ihnen gelang es nach zwei mörderischen Kriegen, eine erfolgreiche Staatengemeinschaft zu schaffen.

Ihre Bewohner treiben in der Regel ehrlich Handel. Sie können Mein und Dein unterscheiden. Sie vertrauen tapfer dem Spruch: „Ehrlich währt am längsten.“ – Anders als jene, die möglichst schnell gierig raffen wollen nach dem Motto „Ehrlich währt’s (dauert’s) am längsten.“

Es fehlt bei den Lebenschancen der Jugend. Es fehlt – besonders gefährlich – am Vertrauen der Bürger in Europas Zukunft. Und doch! (Der Homer brennt wieder durch):

Noch gibt es kluge Politiker allüberall in den Ländern,
welche die Häuser und Hirne vor Schaden und Unbill beschützen.

Noch gibt es Bürger und Gruppen, die maßvoll denken und handeln,
und, statt nur Reibach zu suchen und Arglose listig zu täuschen,
auch noch das künftige Wohl ihrer Kinder und Enkel bedenken.

Noch gibt es Forscher und Lehrer und ihre fleißigen Schüler,
wie hier bei BAPP bemüht, die offenen Fragen zu klären.
Unerschrocken und schlau durchleuchten sie neblige Winkel,
bohren – dem Zahnarzt gleich – tiefer und immer noch tiefer,
wissend: Erst wenn es schmerzt, ist man an der richtigen Stelle.
Auch wenn nicht alle Aktionen immer ins Schwarze getroffen:
Toren lernen vom Sieg. Der Weise, er lernet vom Scheitern.

Ist die EU ein Sanierungsfall, wie man sie kürzlich geheißen?

Mancherlei, möchte man meinen, spräche gewichtig dafür.
Siebenundzwanzig am Tische! Wie soll man da einig beschließen?
Inkompatibel an Volkswirtschaft und gemeinsamen Werten,
vielfach zudem mit historischer Altlast beschweret
und hinter blumigen Worten nur eigenen Vorteil im Sinn.
Wenn man zur Zeit nur die Leserbriefspalten betrachtet
mit Stammtischparolen und Populisten von jeder Couleur,

scheint’s als regiere Verfall nur und böser Zweifel die Stunde,
ja, sogar Staatsoberhäupter blasen zum Jüngsten Gericht.
Anstatt besonnen zu handeln, verwirren sie heftig die Geister.
Wehe, wenn wir unsern Tellerrand schon für den Horizont halten.
Ach, auch das Brett vor dem Kopf bedeutet ja manchem die Welt.

Aber ich frage euch, Freunde, und hebe mutig die Stimme:
Ist denn Europa, die Schöne, mit Halbjahrsbilanzen beschrieben?
Hat sie als Mutter uns nicht am spendablen Busen genährt?
Wo in der Welt ist ein Ort denn, an Freiheiten ihr zu vergleichen?
Ist sie nicht lange schon Schauplatz gemeinsamer, großer Geschichten?
Kann man so leichthin verspielen, was man so schmerzlich erwarb?
Siebzig Jahre schon ist sie die kostbare Heimstatt des Friedens.

Glauben wir an Europa, oder zählen wir Soll nur und Haben?
Wird es zur Beute den Wölfen, bereit, es mit Gier zu zerreißen?
Was helfen Reden am Sonntag, die von Montag bis Samstag nicht gelten!
Sind wir bereit noch und fähig, in großen Entwürfen zu denken
und das als richtig Erkannte konkret und gemeinsam zu tun?

Wem schon das Wasser am Kinn, der lasse den Kopf nicht noch sinken,
und wo Gefahr ist – so Hölderlin – wächst das Rettende auch.
Krisen spalten nicht nur. Oft wecken sie ganz neue Kräfte,
führen die Guten zusammen, der Bosheit und Dummheit zu wehren.
Uns auseinander zu raufen, haben wir tausendfach Übung,
doch uns zusammen zu raufen, müssen wir immer noch lernen.

Nun also stelle ich sie, die hier uns bewegende Frage:
Deckt sich das Image Europas mit seiner wahren Gestalt?
Gibt es zwar dieses Europa, doch fehlt es ihm an Europäern?
Wenn ja, warum? Welche Kräfte sind dann wohl am Werk?
Sind sie erst einmal durchschaut, ich glaube, es könnte uns helfen,
Schein und auch Sein einander klug und geduldig zu nähern?

Schwierig und mühsam ist’s immer, verworrenen Knoten zu lösen.
Ach, und verführerisch einfach ist es oft, gar nichts zu tun.
Die Gegenwart kann man verachten, doch niemand kann ihr entkommen.
Auch das war schon immer die Eigenschaft unserer Völker:
Keinen Irrweg lassen sie aus, – doch lassen ihn dann auch zurück.

Im Stier war, wir wissen es nun, der höchste der Götter verborgen,
den wir, auch das sei gesagt, zugleich als Gauner erkannt.
Doch wie im Leben so oft, durchmischen sich Gutes und Böses.
Der Gauner im Gott einst raubte der schönen Europa die Unschuld.
Der Gott im Gauner schenkte uns allen Europa dafür.

Herr Dr. Stoiber, Sie haben das Wort!!

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