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Es gibt namenlose Helden, die selbstlos eingreifen, wenn ein Ver-brechen geschieht. Häufiger liest man von vielen Anderen, die hinsehen, aber als Voyeure einer Gewalttat, die sie nicht betrifft.
Der Einzelne ist leichter bereit, ein-zuschreiten und sich sogar selbst zu gefährden. Das Kollektiv, das die Tat am ehesten verhindern könnte, hält sich feige zurück.

Sozialpsychologen versuchen, dieses Verhalten zu enträtseln. Sie nennen es „Verantwortungsdiffusi-on“. Je mehr Personen anwesend sind, desto mehr „verdünnt“ sich das Gefühl, „man“ müsste was tun, um dem Opfer beizustehen. Der potentielle „Held“ als den sich mancher empfindet, seitdem er Superman gesehen hat, ver-wandelt sich in den „Zuschauer“, der sich nicht zuständig fühlt. Schiller war nahe dran, als er in Hexametern vermerkte: „Sieht man sie einzeln, ist jeder halbwegs ver-nünftig. / Sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus.“

Vermutlich verstärkt unser Medien-konsum diesen Effekt. Als die Gla-dbecker Geiselnehmer mit ihrem Fahrzeug einen Tag lang in der Kölner Fußgängerzone standen, die Pistole am Kopf ihres Opfers, bildete sich um sie herum eine Menschentraube, die das Gesche-hen beglotzte, frei nach Loriot: „Lasst doch das Kind mal heran!“ – Journalisten eilten (begeistert?) herbei, unterhielten sich mit den Gangstern. Jeden Moment konnten Schüsse fallen, offenbar erfasste niemand die Gefährlichkeit der Situation. Es war der totale Wirklichkeitsverlust. Man fühlte sich als Zuschauer eines Fernsehprogramms. Wenn es ungemütlich wurde, konnte man ja umschalten…

Zivilcourage. Kann man ein defek-tes Gen im Humanum der Gesell-schaft und des Einzelnen reparie-ren? Kann man richtiges Verhalten durch Training lernen?
Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und der Sicherheits- und Gebäudedienstleister „KÖTTER Services“ haben die Stiftung „muTiger“ gegründet. Teilnehmer ihrer kostenlosen Kurse lernen, bewusst hin- statt wegzusehen. Sie üben, kritische Situationen richtig einzuschätzen und Handlungsspielraum zu erkennen. Zugleich entsteht ein Netzwerk für Zivilcourage. Aus „gemeinsam sind wir schwach“ soll „gemeinsam sind wir stark“ werden. – Eine „mu-Tige(r)“ Initiative, die Aufmerksam-keit, Mit- und Nachmacher ver-dient.

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