Abschlussveranstaltung
der E.ON-Ausbildungsinitiative 2012/2013

Stadthalle Datteln, 9. Juli 2013

Als PDF herunterladen Liebe Gäste.

Ein Unternehmer erzählte von Jugendlichen, die eine Ausbildung beginnen sollten. Er hatte gezögert, Plätze bereitzustellen. Es dauert, bis Neue nützlich werden. Man muss investieren. Man liest von schlechter Arbeitsmoral, Unpünktlichkeit, Faulheit der „Nintendo-Generation“, die am Handy nuckelt.

Ihm fiel ein, dass man ein Klischee hinterfragen sollte. Er hatte eine Idee. Er fragte drei Jugendliche nach ihren Namen und ob sie froh seien, der Schule entkommen zu sein. Er gab ihnen einen Auftrag. Sie sollten die Rohrleitungen des Betriebes mit Messfühlern abtasten, Energieverluste finden und melden. Jeder Treffer würde eine Prämie einbringen.

„Die drei Azubis ließen sich das Messgerät erklären. Sie machten sich ans Werk. Plötzlich waren sie Detektive auf Ermittlung. Sie besorgten sich einen Plan und teilten sich die Arbeit ein. Nach wenigen Stunden waren sie ein Team. Sechs Augen sahen mehr als zwei. Sie fanden alle Rohrleitungen und folgten ihnen bis in die staubigsten Winkel: in den Werkhallen, im Lager, in der Kantine, in der Klima-Zentrale.

Der Chef hatte das Projekt am schwarzen Brett angekündigt. Er stellte die neuen Kollegen vor, mit Foto, versteht sich. Man  erwartete ihren Besuch. Von vielen Mitarbeitern bekamen sie Tipps, wo sich die Schnüffelsuche lohnen würde.

Und siehe: Sie fanden zahlreiche Lecks an den Rohrverbindungen, fehlende oder defekte Isolierungen. Sie entdeckten unnötige Leitungen. Ihre Mängelliste wurde täglich länger. Die Fachleute der Bauabteilung staunten.

Die Drei waren über sich selbst begeistert. Sie lernten sich näher kennen. Sie lernten den Betrieb kennen. Bald waren sie überall gewesen. Sie kannten sich geografisch besser aus als manche Alt-Mitglieder der Belegschaft. Man kannte sie, begrüßte sie mit Namen. Es kam zu kleinen Gesprächen im Treppenhaus oder im Aufzug.

Die Sache lohnte sich. Die Messdaten erlaubten eine Bilanz. Unter dem Strich brachte die Aktion eine enorme Energieeinsparung. Das war reines Geld. Auch die Prämie. In der Hauszeitschrift stand über sie ein kleiner Artikel.

Sie fingen sogar an, zu Hause nach Energieverlusten zu suchen. Ihr „alter Herr“ hielt sie für übergeschnappt.

Diese Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf. Sie fiel mir ein, als ich an diese Begegnung dachte. Es kann Gutes und Wichtiges entstehen, wenn die richtigen Dinge und Leute zusammenkommen.

Vor fünfzehn Jahren hatten andere Leute eine gute Idee. Sie sagten sich: Da leben junge Menschen in unserer Region. Die wollen auf eigenen Beinen stehen. Die haben tolle Eigenschaften und Fähigkeiten. Sie wissen es nur noch nicht. Man müsste ihnen helfen, sich zu entdecken, ihnen ein Ziel und eine Hoffnung geben. Man müsste ihnen bei den ersten Schritten helfen.

Daraus wurde ein Projekt. Betriebe boten Ausbildungsplätze an. Fachleute entwickelten Programme. In zwei Phasen ebneten sie den Weg ins Berufsleben: Wissen und Fertigkeiten. Man brachte sie mit klein- und mittelständischen Betrieben zusammen. Sie konnten praktische Erfahrungen machen. Es gab Dinge und Ereignisse, die ohne sie nicht zustande gekommen wären.

So begann ein Bündnis, von dem bundesweit 450 junge Menschen profitierten, 200 davon im Ruhrgebiet. – Die Firmen haben eine Trefferquote von 80 Prozent. – Nicht nur sie: Für die Region entstanden Aktivposten, wo wie zuvor eigentlich eine Looser-Karriere vorprogrammiert war. Junge Bürger nahmen ihren Lebenslauf zuversichtlich in die Hand. Sie wollten nicht am Tropf der Sozialsysteme hängen.

Wie in unserer Geschichte vom Anfang änderte sich die Atmosphäre. Gelungene Beispiele sind zugleich Vorbilder. Sie haben Ansteckungspotenzial. Sie machen Mut. Sie sind Beleg für Machbarkeit.

Wir reden vom Strukturwandel in unserer Region. Wir meinen Verkehrswege, Kabelnetze, Ansiedlungen, auch Forschungsstätten, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Wichtig und gut. Der eigentliche Strukturwandel findet in den Köpfen statt oder überhaupt nicht.

Wir würdigen 15 Jahre dieses Projektes. Die Zahl ist durch 5 teilbar, also haben wir das Recht, feierlich zu werden.

Gabor Steingart schrieb vom „Ende der Normalität“. Alle reden vom Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Wer Neuland betritt, sollte nicht Brücken hinter sich abreißen. Wir leben noch lange von der Produktivkraft der Wirtschaft. Das wurde im Ruhrgebiet nicht vergessen. Wir leben auch von der Innovativkraft kleiner und mittlerer Betriebe. – Aber es kommen neue Faktoren hinzu: nachhaltiger Umgang mit Rohstoffen, Risikoabschätzung, Mobilität, Zusammenarbeit und Kreativität.

Die Gesellschaft der Zukunft entwickelt sich nicht mehr als Kampf der Boliden um die Pole-Position. Es ist mehr als eine Art „Spiel“ der feinen Dosierungen. Es geht um Kräfte, Dinge und Gruppen, die in einem dynamischen Gleichgewicht miteinander reagieren.

Das funktioniert nicht nach vorgegebenem Schema, dem sich alles unterwerfen muss. Es gelingt nur als eine Ordnung, die sich aus den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen ergibt. Sie erzeugt keine Opfer, sondern möglichst viele Gewinner.

Alte Denkblockaden nisten nicht nur in Betrieben, Behörden und Parteien. Sie nisten auch in den Köpfen der Leute. Manche meinen,  Verweigerung sei die bequemere Art des Fortschritts. Sie schütten die Suppe mit dem Haar aus, von dem sie glauben, es gefunden zu haben. Sie öffnen keine Flasche, weil ein Geist darin sein könnte. – Ich bin aber überzeugt: Wir haben in unserem Land einen Modernisierungswillen, der gute Modelle entwirft und sie über Versuch und Irrtum realisiert.

Liebe Gäste,

ich komme nicht zum Schluss. Ich höre einfach auf. – Sie wollen ja auch noch ein paar Flaschen öffnen und hoffen, dass ein Geist darin ist.

Ich fühle mich wohl bei dieser Begegnung. – Ich bin Optimist, kein Melancholiker wie jener westfälische Bauer. Als ihm ein Vogel auf den Hut kleckste, reckte er die Faust und rief ihm wütend nach: „Und für die anderen singst du!“

Ich danke allen, die „Mit Energie dabei sind“.
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