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Wie ist das möglich? – Eine große Organisation mit weltweit über einer Milliarde Menschen hat ein sensationelles Produkt anzubieten: Lebenssinn und Nächstenliebe. Sie kennt Verfahren, die Ängstliche ermutigen, Hass überwinden und Bündnisse stiften. Sie punktet mit hochgefragten Dienstleistungen wie Sorge für Randgruppen, Orientierungshilfe in einer komplexen Welt, Heilung moralischer Verirrungen, tröstende Begleitung in Lebenskatastrophen. In Deutschland ist sie größter Arbeitgeber. Ihr Zusammenbruch wäre eine soziale Katastrophe.

Aber dieser „Konzern“ namens Katholische Kirche hat ein Problem. Er ist die letzte Großorganisation der Antike, die es in die Gegenwart geschafft hat. Er ist eine Pyramide mit geschichteter Befehlskette. Die Entscheidungsträger haben fast sakrale Funktionen. Wer sie kritisiert, zeigt mangelnde Demut. Historische Festlegungen gelten über die Zeit als göttlichen Ursprungs. Transparenz und demokratische Kontrolle sind „neumodisch“ und werden kurz gehalten. Viele Führungskräfte empfinden sich als das moralische Gewissen der Menschheit.

Da bleiben Spannungen nicht aus. Das Selbstbild kollidiert mit hässlichen Realitäten. Fehlerhafte Entwicklungen werden spät erkannt. Probleme werden lieber verboten als gelöst. Persönliche Charakterschwächen können lange schaden, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“.

Wer einen Glauben vertritt, steht und fällt mit seiner Glaub-Würdigkeit. Unfehlbarkeitsanspruch ist unmenschlich, denn nichts ist menschlicher als Fehlbarkeit.

Klar, dass dann „die böse Welt“ mit Häme und Jagdlust unter den Teppich schielt. Sie tut es schon deshalb mit so theatralischer Wucht, weil sie weiß, dass sie um keinen Deut besser ist. Vielleicht tut sie es aus der dunklen Trauer und Enttäuschung heraus, dass auch diese Kirche keinen Deut besser ist als sie.

Hier setzt eine geheimnisvolle Dialektik ein. Wie eine große Zeitung schrieb: Der neue Papst ist an allem schuld. Er verändert nämlich die Kulisse, vor der das alte Stück nicht mehr funktioniert. Er stellt die ursprüngliche Botschaft wieder klar. Die heißt Bescheidenheit, Liebe und Barmherzigkeit, auch mit dem Gestrauchelten. Sie heißt nicht: Eine Moral ist gut. Eine doppelte ist besser.

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