Als PDF herunterladen Meine Damen und Herren,

Friedrich Torberg erzählte einmal aus den wilden 20er Jahren. Eines Tages sei eine Abordnung einer Partei im Verlag erschienen. Sie forderte lautstark, den Herausgeber zu sprechen. Sie beschwerten sich über einen kritischen Artikel. – Der Herausgeber hörte sich die Sache an. Dann sagte er: „Meine Herren, ich muss Sie um Verständnis bitten. An manchen Tagen geht es hier in der Redaktion drunter und drüber. Da kann es wirklich mal passieren, dass jemand die Wahrheit schreibt.“

Da wir bei Anekdoten sind, hier eine ganz aktuelle: In diesem Sommer ging ungläubiges Raunen durch die Pressewelt: Jeff Bezos, der Gründer des Internetkonzerns Amazon, erfüllte sich einen Traum. Für 250 Millionen Dollar kaufte er die altehrwürdige Washington Post. Er erwarb ein Institut, das er als Matador der digitalen Welt selber sturmreif geschossen hatte. Leser und Werbekunden hatten gedruckte Zeitungen in Scharen verlassen. Das reiche und traditionsreiche Unternehmen wandelte sich in ein verlustreiches. Die Medienwelt rätselt, was Bezos mit diesem Coup beabsichtigt. Hat er eine originelle Idee, wie man die alte „Zeitung“ in die neue Zeit überführen könnte? Oder ist das Ganze ein theatralischer Coup, veranstaltet, weil man es sich leisten kann? Klar ist: Der Vorgang hat das Zeug, zum Symbol zu werden.

Kenner der Branche deuten die Aktion als Strategieelement. Ein Internet-Händler will aus seinem erfolgreichen „Buchladen“ ein multimediales Imperium machen. Er beteiligt sich mit Millionenbeträgen an der Herstellung von Fernseh-Serien des Senders CBS. Unter kommenden Weihnachtsbäumen soll ein neuartiges Gerät liegen. Es erlaubt den Zuschauern, Serien und Spielfilme direkt über ihren Fernseher zu streamen.

Das e-Book ist: Zapfstelle für Bücher und Zeitschriften. Man kann seinen Lesebedarf „nachtanken“. Das soll auch für laufende Bilder gelten. Ein nahes Fernziel: Jeder, der es sich leisten kann, ist Bewohner einer medialen Parallelwelt. Für gefühlt geringe Gebühren überlässt er dem Konzern das kostbarste, was er besitzt. Weil sie schwindet, wird sie ständig – kostbarer: Die Lebenszeit.

Er hält sich für den souveränen Nutzer reichhaltigen Angebotes. Tatsächlich ist er Objekt ferngesteuerter Endkontrolle. –Jeder „Klick“ wird im Hintergrund registriert. Dort entsteht das Profil eines Verbrauchers mit seinen Vorlieben, Interessen und Eigenschaften. Um den wird sich die Wirtschaft liebevoll kümmern. Das lässt sie sich einiges kosten. Sie verspricht sich viel vom gezielten Verkauf.

Wie funktioniert das?

Wenn Ihnen manches banal erscheint, vertrauen Sie Ihrer eigenen Wahrnehmung! Der Computer ist nicht das geheimnisvolle Wesen. Er ist eine Maschine, die zwischen Null und Eins unterscheidet. Das macht er ziemlich schnell. Nun ja, es ist nicht alles. Null und Eins sind Vokabeln einer neuen Sprache. In Form von Bit-Mustern und Algorithmen ist sie Beschreibungssprache für sichtbare, hörbare und berechenbare Erscheinungen. – Das ist viel. Aber es ist nicht alles. Über Funk, Satellit und Kabel hat sich die neue Sprache schnell auf dem Globus verbreitet. Die Übertragungstechnik, in Tateinheit mit der Lichtgeschwindigkeit fließenden Stroms, erlaubt Vernetzung aller Bewohner der Erde.

Jeder kann mit jedem in Jetztzeit kommunizieren. Informationen, Bilder, Töne und Ereignisse stehen in unbegrenzter Menge zur Verfügung. – Das ist erstaunlich. Aber es ist nicht alles. Wir erleben eine atemberaubende Explosion der Speichertechnik. Die Inhalte des Netzes überschreiten Grenzen des Raumes und die der Zeit.

Sie gewinnen den Kampf, den der Mensch verliert: Den Kampf gegen das Vergessen. Die alten Geschichtenerzähler fürchteten, das Aufschreiben der Überlieferungen zerstöre die Fähigkeit zur Erinnerung. Die Freunde des Gedruckten fürchten durch Digitalisierung Kulturverlust.

Das Internet ist ein Paradigmenwechsel der Zivilisation. Vergleichbar mit der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks. Wir leben in einer Zeit sich realisierender Utopien. Es fällt schwer, sich etwas auszudenken, das nicht als zeitnah realisierbar erscheint. Und wenig später im Laden an der Ecke zu kaufen ist.

Das hat Folgen.

Dass wir einem so grundstürzenden Phänomen vorerst noch hilflos begeistert und hilflos geängstigt gegenüberstehen, sollte uns nicht wundern. Die Politik ist erschütternd ahnungslos. Lange hielt sie das Netz für ein globales Spielzeug mit Lust- und Suchtfaktor für ungefestigte Jugendliche. Anschwellen und Zerplatzen der Dotcom-Blase schien ihr Recht zu geben. Inzwischen dämmert ihr, dass alle Bereiche vom Welthandel über jede Art der Kommunikation bis hin zur Kriegführung ohne Internet nicht mehr denkbar sind.

Die NSA-Affäre zeigt in gespenstisch rührender Weise den Abstand unserer Verfassung zu internationalen Gepflogenheiten. Die neuen globalen Strukturen haben sich wie eine Naturgewalt etabliert, die außer Rand und Band gerät.

Bei Edward Snowden mag jeder von dem, was er bis heute zu wissen glaubt, halten was er will. Er hat mit seinen Enthüllungen die unschuldige pubertäre Phase des Internets beendet. Ein kleiner, angelernter Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes führt die mächtigste Nation der Erde durch die Arena. Er hat eine diplomatische Krise ersten Ranges ausgelöst. Auch das zeigt die totale Asymmetrie der neuen Verhältnisse.

Für die einen ein Ärgernis, für andere ein klammheimliches Vergnügen. Was Kenner wissen und der Bundeskanzlerin bewiesen wurde: Es geht nicht mehr um Überwachungsstaat. Wir leben in einer Überwachungswelt. Technisch geht fast alles. Dass es benutzt wird, ist das Problem. Ethische Standards nach dem Motto „Der Lauscher an der Wand / hört seine eigne Schand“ spielen keine Rolle. Bürgerliche Freiheiten, die mühsam erworben wurden, landen beim alten Eisen. Technisch Machbares geschieht. Punkt.

Wenn es überhaupt noch eine Möglichkeit gibt, in diesen Selbstvernichtungsprozess wichtiger Errungenschaften der menschlichen Zivilisation einzugreifen, dann nur über den gut informierten und deshalb kritischen und wehrhaften Bürger. Dieser hat seit Langem eine konstante Eigenschaft: Er ist Zeitungsleser. Er liebt sein Leib- und Magenblatt. Mit ihm verfolgt er den Gang der Dinge. Es hatte den Charme täglicher Frische und Vergänglichkeit.

Ein gigantischer Apparat mit Korrespondenten, Reportern, Fotojournalisten, Juristen, gestützt auf Archive, vernetzt mit Experten, und eine eindrucksvolle Produktionsstraße sorgen dafür, dass das Produkt in den frühen Morgenstunden zur Verfügung steht.

Es muss eine geheimnisvolle Bindung zwischen Stammleser und seiner Zeitung sein.

Es gab journalistische Großtaten und Fehlleistungen. Manches blieb im Gedächtnis. Das meiste war Funkenflug. Vieles wurde durch den „Schnee von morgen“ zum „Schnee von gestern“.

Das Medium „Zeitung“ gibt es seit 400 Jahren. Es ist ein Kind des Buchdrucks und der Aufklärung. In seiner DNS-Spirale stecken noch die beweglichen Lettern des Herrn Gensfleisch genannt Gutenberg. Die zeigten erstmalig, was in ihnen steckt, als sie die Thesen eines unbe

kannten Augustinermönchs aus Wittenberg innerhalb von 14 Tagen im ganzen Reich verbreite
ten. Die waren nicht mehr rückholbar. Sie beendeten das Mittelalter. Flugblatt, Zeitung und Zeitschrift waren Motoren und Begleiter emanzipatorischer Bewegungen. Mit ihnen beendete das Bürgertum die Macht des Adels. Sie artikulierten den modernen Nationalstaat. Sie diskutierten die Industrielle Revolution und die Soziale Frage. Sie standen nach Missbrauch während Diktatur und Weltkrieg wieder bereit als ziviles Forum.

Eine sich öffnende Gesellschaft mit ihrer Vielzahl von Lebenswelten brauchte sie. Nun sehen sie sich mit Neuen Medien konfrontiert, die ihnen Territorium streitig machen und denen ihre ehrwürdige Geschichte völlig schnuppe ist. Was sie können, können diese auch. Sie haben sogar markante Wettbewerbsvorteile:

  • Das Tablet ist grenzenlos mobil.
  • Es berichtet quasi zeitgleich von Ereignissen aus aller Welt.
  • Es erlaubt spontanes Feedback.
  • Es punktet mit Wort, Bild und Video.
  • Es verbreitet sich auf Knopfdruck in die ganze Welt.
  • Es braucht für die Herstellung seiner Inhalte keinen teuren Apparat.

Wirtschaftlich gesehen kamen früher 80 % der Zeitungserlöse aus Anzeigen – kleinen und großen. Jetzt sind es nur noch 40 %. In einigen Jahren wird das Verhältnis 20 Anzeigenkunden zu 80 % Verkaufserlös sein. Der Leser bezahlt und kann erwarten, dass man sich fragt, was er dafür geliefert bekommen möchte.

Sterben nun die Zeitungen?

Zahlen sprechen dafür. Die Verlage verzeichnen schwindende Abonnenten und Werbekunden.

Die neue Generation wächst ohne die klassische Zeitung auf. Für Nostalgiker ist das Zeichen des Zerfalls. Die Virtuosen des Wischens und der Touch-Screens begnügen sich mit schlichter Massenware, weil sie Qualitätsware nicht kennen. Die Generation SMS ist auf Häppchen programmiert.

Sie erträgt nur kurze Aufmerksamkeitsspannen. Was nicht in 160 Zeichen gesagt werden kann, kommt nicht vor. Radio und Fernsehen haben sich dem angepasst. Wortbeiträge, die anderthalb Minuten überschreiten, nerven den Finger an der Fernbedienung. Politiker eilen von Kamera zu Kamera, um Sprechblasen abzulassen. Die hochgelobte Teilhabe der „liquid“ Demokraten beschränkt sich auf gegenseitige Beschimpfungen.

Apologeten der schönen neuen Medienwelt halten dagegen. Für sie war Europa schon immer ein „Umschreibprogramm“. Es entstand aus Wandel, Migration und Pluralität. Freies Forschen, Technik und Markt erzeugen ständig neue Gefäße, die mit Inhalten gefüllt werden wollen. So auch das Netz. Es ist Seismograph für die Befindlichkeiten der Masse. Sein Wesensmerkmal ist rascher Wandel.

Medien waren immer die Agora der Meinungsbildung. Fehlende Primärerfahrung ersetzten sie durch Sekundärerfahrung. Dass die nun auch elektronisch daherkommt, ist zweitrangig. Wer sich diesem Medium nicht stellt, geht unter. Mit seiner Zeitung nicht anders als Versandhändler, die meinten, das Netz ignorieren zu können. Rang- und Lagerkämpfe zwischen alten und neuen Medien helfen nicht. Es ist lohnender, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Auch die Medaille „Internet“ hat mehrere Seiten.

Schnittmengen

Das Netz ist schnell und massenhaft. Es enthält jede Menge Trash und Müll, aber auch fundierte Artikel. – In den Klassikern gedruckter Presse steht ebenfalls mancherlei Flachware und banales Geplauder. Auch hier ist nicht der exklusive Treffpunkt für den kompetenten Bürger. Journalistische Arbeit verlangt auf beiden Feldern Sorgfalt. Eine falsche Information bleibt falsch auf Papier wie auf dem Bildschirm. Damit angerichteter Schaden kann gewaltig sein. Der ehemalige Chefredakteur von Le Monde unterschied zwischen klassischen Medien und dem Netz wie zwischen repräsentativer und direkter Demokratie.

„Liebeserklärungen an die Zeitung“, die man nun lesen kann, helfen nicht.  Sie betonen die Schwierigkeiten, mit denen die gedruckte Presse kämpft. Öffentliche Treueschwüre – das wissen kluge Frauen – sind fast immer Nachrufe. Andererseits hat die Zeitung ihre Beerdigungsfeierlichkeiten längst überlebt.

Der große Bill Gates hatte Mitte der 90er laut verkündet, im Jahr 2000 gäbe es keine Zeitung mehr. Es gibt keine wirtschaftliche Überlegenheitsgarantie, weder der einen, noch der anderen Seite. Attacken der Konkurrenz sind ärgerlich. Gefährlicher ist die Beschimpfung des schnöde abwandernden Publikums. Das erinnert an den Pfarrer, der zornig über abwesende Schäfchen wettert und so den anwesenden die Laune verdirbt.

Ich beglückwünsche jeden, der noch immer bei einer Tasse Kaffee in seiner Zeitung zu versinken vermag. Wie schön, dass man solche Glücksmomente abonnieren kann. Wer aber nicht willens ist, sich bei Windstärke sechs am Strand oder im engen Flugzeug auf einen Kampf mit dem Papier einzulassen, der ist nicht zu erlösen, wenn man ihm predigt, wie schlecht das Internet sei.

Es bedrängt die gedruckte Presse naturgemäß nicht mit seinen Nachteilen, sondern mit seinen Vorteilen.

Erst ging man zu Fuß, dann gab es das Fahrrad, später Zug und Auto, heute Flugzeuge. Heute lebt man alles nebeneinander.

Ich stelle fest

Zeitung und Internet sind keine geborenen Gegensätze. Es ist ein Missverständnis, sie „gegeneinander“ zu vergleichen. Die Frage ist nicht „Pixel oder Papier“, sondern „gut oder schlecht“. Professioneller, aufklärerischer, fairer, enthüllender Journalismus kann in beiden Medien stattfinden oder, was durchaus droht, fehlen.

Heribert Prantl behauptete kürzlich: „Die Zeitung ist wichtiger als die Deutsche Bank“. – Für mich ist nicht die Zeitung, sondern professioneller Journalismus systemrelevant für die Demokratie. Ihn soll und muss es geben, wenn er sich selbst beim Wort nimmt und ist, was er immer schon war: unabhängig, mutig und mit überprüfbaren Kriterien. Nicht das Medium ist die Botschaft. Die Botschaft ist die Botschaft!

Da sich die verfügbare Zeit von Lesern oder Usern nicht verlängern lässt, werden neue Medien, die sich am Markt durchsetzen, eine Neuaufstellung der Territorien erwirken. Dasjenige der Zeitung wird sich weiter verkleinern. Aktuell, leicht zugänglich, mobil und verlässlich. So will ich das Medium, das mich am Weltgeschehen beteiligt. Es muss informieren, es soll bilden, und es darf unterhalten. Es soll herausfordern mit ungewöhnlichen Perspektiven und überraschenden Argumenten.

Im großen Grundrauschen der Signale und Botschaften soll es eine Orientierungshilfe sein. – Ich will in ihm auch finden, was ich gar nicht gesucht oder bestellt habe. Im Informationsdschungel ist Auswahl und Gewichtung journalistischer Auftrag.

Neu ist das weite Spektrum der Formen und Darstellungsweisen. Neu wird sein die Unabhängigkeit des Nutzers von der alten Verfahrenstechnik. Der früher unvermeidliche Vor- und Ablauf vom Schreibtisch des Redakteurs bis vor die Haustür des Abonnenten wandelt sich aus einem seriellen in ein paralleles Geschehen. Während ich einen Artikel lese, erscheint eine neue, aktuellere Mitteilung. Wenig später baut sie sich aus zu Reportage, Kommentar, Bildserie, Karikatur. Journalismus eben.

Das physikalisch definierte Objekt „Zeitung“ wird zur „Cloud“. Daheim steht die „Set Top-Box“, die speichert, was mich interessieren könnte. Internet und Fernseher verschmelzen zu einer integrierten Einheit.

In den USA sind video-on-demand Plattformen dem Nischendasein entkommen. Sie konkurrieren mit Verlagen und Fernsehanstalten um Zuwendung des Zuschauers. Dem ist es letztlich gleichgültig, wer ihn über welche Kanäle beliefert. Nicht-lineare Medien erschrecken noch immer klassische Anbieter. Lange konnten diese mit Größe punkten. Die neuen Medien agieren mit kleinen, vielfältigen, aber klug vernetzten Einheiten.

Unklar sind mögliche Geschäftsmodelle, weil es so viele gibt. Zwischen Gratis- und Bezahlinhalten, zwischen Werbe-Inseln und werbefreiem Angebot sucht man den gangbaren Weg. Wer heute nicht wenigstens experimentiert, wird morgen über die Kante fallen. Aber das ist klar: Qualität hat ihren Preis.

Es wird eine signifikante und wieder wachsende Gruppe der Gesellschaft geben, die sich nicht nur rasch, mobil und multimedial über den tagesaktuellen Zustand der Welt informieren will. Sie will auch, dass es durch professionelle Journalisten geschieht, deren Erfahrung sie aus Erfahrung vertraut. Sie will Deutungen, Analysen, Hintergründe und geistigen Dialog.

Pressefreiheit existiert nur dort, wo sie von Journalisten, Verlagen und Empfängern beansprucht wird.

Jürgen Habermas wies schon im vorigen Jahrhundert darauf hin: Öffentlichkeit ist kein vorhandener Raum, den man füllen oder entleeren kann. Sie ist ein Raum, der erst dadurch entsteht, dass jemand sein Haus verlässt, um sich auf Straßen und Plätzen mit anderen zu verständigen. Freiheiten, die man nicht nutzt, schlafen ein. Die seriöse „Zeitung“ – egal ob gedruckt oder gescreened – realisiert diesen Anspruch. Ihre wichtigste Leistung ist nicht die Masse, sondern die Realitäts- und Lebensnähe ihrer Berichte. Abgewogenes Urteil ihrer Verfasser ist ein unverwechselbares Profil ihrer Erscheinung. Ein Alleinstellungsmerkmal. Das macht sie überhaupt erst erkennbar. Wenn die humane Zivilisation – und das ist die demokratische – überhaupt eine Zukunft hat, dann hat darin die so beschriebene Presse auch eine.

Sie ist – und jetzt kommt mein Lieblingssatz – keine Veranstaltung für die freie Gesellschaft, sondern eine Veranstaltung der freien Gesellschaft.

Meine Damen und Herren,

in Sachen Internet kann und will ich nicht in ein kulturkritisches Lamento verfallen. Aber es darf kein rechtsfreier Raum sein! Wenn dort Verbrechen geplant und durchgeführt werden, wenn die

Standards eines humanen Zusammenlebens zerbröseln, dann ist „unantastbare Freiheit“ purer
Zynismus. Anarchie führt nicht zur herrschaftsfreien Gesellschaft, sondern zur Machtübernahme durch die Rücksichtslosen. Die Politik, soll sich den Neuen Medien endlich stellen.

Das Internet ist Instrument, ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Es ist nicht die Gesellschaft, sondern diese kann es zu ihrem Vor- oder Nachteil benutzen. Es hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf, aber nicht die Qualitätsgrenzen! – Die schöne neue Welt des Internet ist keine neue Welt. Es ist die alte Welt mit neuen Mitteln. Wer darin agiert, ist auch nicht der neue Mensch, sondern der alte Zweibeiner, der Geschäfte machen oder sein Geschäft verrichten will.

Der Homo Sapiens sollte es sich wert sein, intelligent zu unterscheiden und zu entscheiden. Ein Umschwung der globalen Kommunikation, wie wir ihn gegenwärtig erleben, ist nicht ohne große Debatte zu haben, – eine Debatte über seine wahre Natur, seine erwartbaren Wirkungen und die nötigen Steuerungsimpulse.

Der Souverän ist nicht Produkt. Der Mensch ist der Souverän und darf über Versuch und Irrtum bestimmen, wie er leben will. Denkfaulheit ist zu wenig Versuch und zu viel Irrtum.

Qualitätsmedien haben einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil. Sie setzen auf Glaubwürdigkeit. Sie ist kostbar, weil selten. Nach schweren Einbrüchen der letzten Jahre ist Glaubwürdigkeit ein Lernziel, für das alle Großgruppen der Gesellschaft – Parteien, Gewerkschaften, Kirchen – im Nachhilfeunterricht büffeln.

Irgendwo formulierte ich Zehn Gebote des Qualitätsjournalismus:

  • Verbrauche nicht mehr Glück als Du selbst erzeugst!
  • Mache niemals Menschen zum Objekt materieller Interessen!
  • Glaube jedem, der die Wahrheit sucht. Glaube keinem, der sie gefunden hat. (Tucholsky)
  • Schütze die Menschen- und Freiheitsrechte, wo immer sie bedroht sind.
  • Der, auf den alle einschlagen, er habe bei Dir Frieden. (Lessing)
  • Jedes Ding hat zwei Seiten, meistens noch eine dritte.
  • Das Gegenteil der Wahrheit ist auch nicht ganz falsch.
  • Wenn Dir Vergleiche trefflich erscheinen, / sie hinken vielleicht auf beiden Beinen.
  • Die menschliche Klugheit ist eine Falle. Die Wahrheit geht nicht hinein.
  • Liebe! – und dann tu, was Du willst! (Augustinus)

Der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell schlug einmal vor, einen Computer zu veranlassen, sämtliche Buchstaben des Alphabets, die Ziffern von 0 bis 9, die Satzzeichen und den Leerschritt in jeder möglichen Kombination niederzuschreiben. Das Programm hätte einige Millionen Jahren lang zu tun. Wenn es dann eines Tages „Ready“ meldet, wäre die absolute Universalbibliothek entstanden. Sie enthielte alles jemals Geschriebene und alles jemals Schreibbare von der dümmsten Latrinenparole bis zum weisesten Gedanken.

Das Internet scheint Russels Konzept erfüllen zu wollen. Aber man ahnt es schon: Der Triumph des Machbaren wäre der Sieg des Unsinnigen, denn nun müsste man aus der unendlichen Masse sinnlosen Buchstabenmülls die wenigen brauchbaren Wörter und Sätze herausfiltern. Man bräuchte also doch wieder Kriterien, Maßstäbe, Regeln, die das digitale Zeitalter vielleicht so intelligent gestalten, dass sich Homo Sapiens nicht schämen muss. Also guten Journalismus.

Das hat natürlich eine wichtige Voraussetzung: Man muss lesen können. In seinem Tagebuch setzt Elias Canetti in zwei Sätzen dem Leser ein wunderbares Denkmal: „Wenn er lange nichts gelesen hat, erweitern sich die Löcher im Sieb seines Geistes, und alles fällt durch und alles bis auf das Gröbste ist, als wäre es nicht da. Es ist das Gelesene bei ihm, das zum Auffangen des Erlebten dient, und ohne Gelesenes hat er nichts erlebt.“

Vielleicht ist das am Ende der Unterschied: Die einen können lesen. Die anderen schauen sich die Bilder an. Die Debatte ist angestoßen. Sie darf sich nicht in ökonomische Interessen und Denkmuster verbeißen. Sie muss umfassend geführt werden, reichhaltig und geduldig. Und wo soll sie stattfinden? Am liebsten überall. – Warum nicht auch im Internet! – Warum nicht auch in der Zeitung!

Es wird beides noch lange geben. Wie sie ihre Aufgaben teilen, wird sich ergeben. Die Entwicklung des Netzes weiterhin chaotischem Selbstlauf zu überlassen, ist gesellschaftspolitisch unverantwortlich.

Ich danke Ihnen.
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