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Eine berühmte Karikatur von Paul A. Weber zeigt ein schlangenartiges Monster, das durch Straßenschluchten schwebt. Tausende Ohren und Zungen bilden einen Schwarm. Zahllose Befindlichkeiten verklumpen zu einer, die sich den Anschein gibt, Meinung zu sein.

Für den Zeichner des „Das Gerücht“ war „Volkesstimme“ offenbar nicht gemeinsame Vielfache an zusammenfließendem Verstand und Wissen, sondern der kleinste gemeinsame Nenner mit latenter Bösartigkeit. Er ahnte noch nichts vom Internet und der digitalen Welt, ihren Flashmobs, Shit- oder Candystorms, wo sich die One-Issue-Partei als der Weisheit letzter Schluss gebärden kann.

In der Demokratie ist Volkes Meinung naturgemäß bedeutend. Das Netz fängt massenhaft auf und ein. Stimmungen und Meinungsäußerungen werden kollektiviert und fokussiert. Mit Vorliebe prangern sie an. Zum Gestalten von Alternativen reicht es nicht.

Wie lebens- und zukunftsfähig ist da eine europäische Völkergemeinschaft, die sich vor jedem Referendum eines Mitglieds fürchten muss? Wer ein referendumfestes politisches Gefüge will, braucht markante politische Persönlichkeiten, die das richtige Wort im rechten Moment sagen, für die Politik Aufklärung und Überzeugungsarbeit ist. Bürokraten und Technokraten sehen darin ihre Aufgabe nicht. Sie exekutieren – wenn es sein muss – bis zum Ende.

Die Talkshow sucht Quote durch Unterhaltung, nicht Ersatz für Aufklärung. Anonymes Geblubber im Blog ist nicht Stimme, sondern Stimmung. Umfragen bringen fragwürdige Ergebnisse, wenn die Befragten heute nicht mehr wissen, was sie gestern gemeint haben.

Überzeugungsarbeit und Bewusstseinsbildung waren bis in die 1970er Jahre mitreißende Motive der Politisierung. Müssen wir heute mit einem Vakuum leben, in dem sich selbstverschuldete Argumentationsarmut als an- und abschwellendes Stimmengewirr wichtig tut?

Ein Ehrenpreis für den Politiker, Wirtschaftsführer, Kirchenmann, der die lähmende Komplexität unserer Verhältnisse kennzeichnet und die neue Unübersichtlichkeit seriös reduziert, der zu überzeugen vermag! – Ein Preis auch für den freilaufenden Bürger, der länger als drei Minuten zuhören kann, um vielleicht zu sagen: „Donnerwetter, ich hab’ dazugelernt!“

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