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Sehr verehrte Gäste,

ich begrüße Herrn Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Staatssekretär a.D., Professor an der Universität Kassel, herzlich. Ich begrüße auch Herrn Dr. Tobias Dürr, den Vorsitzenden des Progressiven Zentrums e.V. Berlin, mit dem wir schon diskutieren konnten.

Ich möchte mich dafür bedanken, dass Herr Jürgen Goecke von der Geschäftsführung Grundsicherung der Bundeszentrale für Arbeit uns heute sein Wissen weitergibt. In diesem Sinne begrüße ich auch Herrn Michael Weller, Leiter Politik beim GKV-Spitzenverband sowie Herrn Michael Keck, den ersten Direktor der Deutschen Rentenversicherung Westfalen.

Der Referent unserer Auftaktveranstaltung Herr Minister Schweitzer aus Rheinland Pfalz lässt sich wegen aktueller Termine mit Bedauern entschuldigen.

Es war ein anregender Buchtitel, den Prof. Dr. Wolfgang Schroeder in 2012 gewählt hat: „Wie finden Sozialpolitik und Gesellschaft zusammen?“ Und der Langname des Projektes: „Die Zukunft des Sozialstaats – Chancen, Barrieren und neue Formen der Kooperation“ fordert uns auf, über die heutige Arbeit hinaus am Thema zu bleiben.

Ein neu geborenes Baby ist so schlau wie ein Neandertaler-Baby. Kooperation muss man üben. Neue Formen ganz sicher. In zwei Stunden werde ich schlauer sein als jetzt. Dafür danke ich herzlich.

Unser Erbe als Herdenwesen ist zwiespältig. Rangkämpfe sind das Zweitschönste im Leben der Hirsche. Der Stärkste kriegt die hübschesten Weibchen. Das meint die Natur nicht heimtückisch.

Wir Menschen sollten darüber hinauswachsen. Gegeneinander können wir, miteinander müssen wir üben.

Wir leben dicht und massenhaft aufeinander. Die technische Zivilisation ist komplex. Rangkämpfe vergeuden Energie. Sie sind gefährlich. Manchmal für das ganze System. Das Erreichte ist meist mickrig. Ich rede jetzt nicht über die Krim.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Oft ist Kooperation die bessere Lösung. Sie ist es sicher dort, wo Ressourcen knapp sind. Modern ist Wettbewerb, bei dem man sein Ziel erreicht, ohne reale oder eingebildete Gegner aus dem Weg räumen zu müssen.

Der Judo-Kämpfer bietet eine gute Metapher. Er ist kein Angreifer. Seine Griffe sind nur dann wirksam, wenn er angegriffen wird. Er benutzt den Schwung seines Gegners gegen denselben. Er deutet und lenkt sie um. Die böse Energie des anderen läuft ins Leere.

Ein Judo-Kampf ist Kooperation auf höherer Ebene. Sie hat den Witz, dass einer der beiden Kombattanten nicht weiß, wie ihm geschieht.

Wir brauchen neue Formen der Kooperation. Vater Staat ist nicht mehr der Versorger. Der kann nicht alles richten. Die meisten Probleme haben eine multiplexe Struktur. Sie sind nicht „aus einem Punkte“ zu erklären. Es lohnt sich, sie im Team zu bearbeiten.

Beispiel „Sozialpolitik“: Wir sind uns einig: Wer vom Schicksal getroffen wird, wer Krankheit, Unfall, Alter erlebt, kann, darf und muss gesellschaftliche Hilfe erwarten. Richtig ist auch: Man kann nur verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde. Wer sich weigert oder daran scheitert, Politik und Ökonomie zusammenzuführen, kann eines Tages nicht mehr finanzieren, was sozialpolitisch nötig wäre. Auch bei der Absicherung der Bedürftigen gelten die Grundrechenarten. Kaufmännisches Denken macht vor dem Sozialamt und auch beim Transferleistungsempfänger nicht Halt.

Das beschreibt einen natürlichen Widerspruch. Der erledigt nicht die übergeordneten Frage: Welche Gesellschaft wollen wir organisieren?

Hier beginnt das Ringen um Abwägung und Grenzen. Das ist kein Dilemma. Es ist – wenn es gelingt – Ergebnis einer Kooperation widerstrebender Kräfte.

Eine Ökonomie ist erfolgreich, wenn sie den beteiligten Menschen Lebensunterhalt und Aufstiegsperspektive bietet. Ein Sozialsystem, in dem Nicht-Arbeit ebenso viel einbringt wie Arbeit, ist nicht haltbar. Wie teilt man den Kuchen sinnvoll und gerecht zwischen dem Hunger der privaten Hände und der öffentlichen Hand? An welchen Schrauben und wie weit darf man drehen, damit das System im dynamischen Gleichgewicht bleibt und nicht aus dem Takt gerät? Die Dialektik des Problems ist unauflösbar, und die Formel geht nie restlos auf.

Und etwas wird klar: Ein Hauptproblem ist Kommunikation und Vermittlung. Das gelingt nicht mit „Basta“, sondern nur mit Transparenz und Beteiligung. Wenn die Menschen nicht hinter den Reformen und Entwicklungen stehen, stellen sie sich ihnen in den Weg. Dann erlebt „Vater Staat“ kein Wunder, sondern – sein blaues Wunder.

Ein demokratisches Gemeinwesen verachtet das „Entweder – oder“ und ist verliebt ins „Sowohl – als auch“. Es ist nicht die Diktatur der 51 über die 49. Es versucht, findig und geduldig verschiedene Entwürfe zu realisieren. Nur in den seltenen Fällen einer unausweichlichen Alternative soll die Mehrheit entscheiden.

Kooperation ist nicht Selbstaufgabe. Im Gegenteil. Das Herdenwesen „Mensch“ kann nur überleben, wenn in seinen Rangkämpfen derjenige als stark und schön gilt, der seine Eigenschaften einbringt und mit anderen zusammenwirft.

Ich freue mich auf unser Gespräch.

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