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Liebe Gäste, meine Damen und Herren,

es gibt einen futuristischen Hollywoodstreifen. Der hat den Titel „Das China Syndrom“.

In einem Atomkraftwerk in den Vereinigten Staaten droht im Film ein Supergau. Die Kernschmelze würde ein Höllenfeuer verursachen, das sich unaufhaltsam durch die ganze Erde fressen würde. Irgendwann käme es in China an. Eine sehr gefährliche und nicht zu empfehlende Methode der Kontaktaufnahme. Eine Horrorversion. So etwas wird es hoffentlich nie geben. Komisch, dass so viele Hollywoodfilmchen Begegnung als Konflikt verstehen.

Wir haben eine bessere Methode gefunden: Wir besuchen uns gegenseitig. Wir trafen uns schon in China. Heute treffen wir uns in der Beethoven-Stadt Bonn. In unserer Gegend tobten am Montag ungewöhnliche Stürme. Deshalb hoffe ich umso mehr, dass Sie einen ruhigen Flug und eine gute Reise hatten. Wir freuen uns schon lange auf diese Zusammenkunft.

Die großartigen Vorgaben unserer chinesischen Gastgeber werden wir nie erreichen können. Aber wir wollen wenigstens die Zweitbesten sein. Seien Sie uns herzlich willkommen! Wir wollen miteinander reden: über die Situation in unseren Ländern, über aktuelle Herausforderungen der wirtschaftlichen Entwicklung und Zusammenarbeit, über wichtige neue Ziele in der globalisierten Welt, des demographischen Wandels, der knapper werdenden Ressourcen und der Klimagefahren. Auch über die Verantwortung, die sich aus der Kraft unserer Völker für die Schwächeren ergibt.

Von diesen Fragen sind wir nicht eingeschüchtert. Wir beginnen da, wo es praktisch zur Sache geht. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Unsere Begegnung ist ein solcher Schritt.

Der große Laotse schrieb dazu: „Der Weise umfasst das Eine und so wird er zum Vorbild der Welt“. Ein deutscher Dichter schrieb vor 400 Jahren: „Mein sind nicht die Jahre, die mir die Zeit genommen. Mein sind nicht die Jahre, die etwa kommen mögen. Der Augenblick ist mein. Den nehme ich in Acht. Der ist es, mit dem das Jahr und die Ewigkeit beginnen.“

Wir werden keine Verse schreiben. Wir tauschen Erfahrungen aus, Kenntnisse und Ideen – vielleicht sogar Adressen. Wir wollen einige Stunden unseres Lebens zusammen verbringen. Natürlich möchten wir Ihnen ein kleines Stück unseres Landes zeigen. Vielleicht werden wir es durch Ihre Augen selber neu entdecken.

Vierzig Jahre lang war Bonn die Hauptstadt der Bundesrepublik. Gegenüber allen anderen in der Welt war es eigentlich eine Kleinstadt, sehr übersichtlich, sehr zivil, sehr privat. Sie hatte menschliches Maß, und das war gut nach einer unmenschlichen Zeit von Diktatur und Krieg.

Wer Vertrauen will, muss mehr bieten als Vertrauen. Förderlich sind gemeinsame Sorgen. Das Beste sind gemeinsame Ziele. Sie führen zusammen, auch auf unterschiedlichen Wegen. Das war und ist übrigens auch der Grundgedanke der europäischen Einigung.

Völker, die seit tausend Jahren im Konflikt miteinander lagen, wollten unter dem Dach gemeinsamer Ziele zusammenleben. In getrennten Zimmern, aber mit offenen Türen. Auch mit Begegnungszonen, die allen gehörten, z. B. einem Raum für Kultur, einem für Wissenschaft, für Sport und Spiel und vor allem einem für gemeinsamen Markt, wo jeder seine Erzeugnisse anbietet. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen waren und sind die Märkte besonders lebendige und wichtige Orte des öffentlichen Lebens. Das war nicht leicht. Es kostete Mut und kreative Fantasie. Aber es lohnte sich.

Es wurde ein Friedenswerk, das seit drei Generationen hält. Es brachte Gewinn für rund 500 Millionen Bewohner dieses Kontinents. Unsere chinesischen Gäste werden sagen: „500 Millionen? – Na und? – Da fangen wir gerade erst an zu zählen.“ Sie haben Recht.

China ist das große Kraftwerk auf der anderen Seite des Globus. Und das ist heutzutage nicht mehr weit. Es liegt sozusagen „um die Ecke“. Es steht – wie alle großen Staaten und Völker vor enormen Herausforderungen. Größe bedeutet heute nicht mehr nur Masse.

Größe ist auch Verantwortung. Größe entsteht durch sinnvolle Ziele. Größe ist nicht mehr denkbar ohne ein gutes Konzept für die kommenden Generationen. – Gerade haben China und die USA sich zu Klima-Zielen bekannt. Die bedeuten einen großen und mutigen Schritt nach vorn. – Größe, das ist schließlich auch die Dichte und Intensität der Kommunikation mit Menschen und Gruppen, die sich etwas zu sagen haben.

Daran glauben wir. Auch deshalb gibt es das deutsch-chinesische Forum. Die Zukunft wächst immer von unten. Sie braucht kleine Erfinderstuben, kleine Treibhäuser für gute Ideen. Sie bildet sich aus vielen einzelnen Mosaiksteinen, die zusammen das Bild ergeben.

Wir brauchen einen langen Atem. Das Gute und Richtige ist nicht deshalb schon erfolgreich, weil es gut und richtig ist. Es braucht Leute, die es klug und geduldig erklären. Auch im politischen Nebel sollte man „auf Sicht“ fahren.

Genau das machen wir hier. Wir kommen uns nahe, so dass wir uns sehen. Wir gehen behutsam, so dass wir ein Stück des Weges überblicken können. Das ist kostbar, weil immer noch selten. Es ist empfindlich, weil jung. Und es ist aufregend und spannend.

In den deutschen Märchen ziehen tapfere Ritter in die Fremde, um eine entführte Jungfrau aus den Klauen des feuerspeienden Drachen zu befreien. In China sind die Drachen Glückssymbole. Das verändert die Situation. Die entführte Jungfrau will gar nicht weg. Sie fühlt sich wohl und geborgen. Der fahrende Ritter ist herzlich eingeladen. Aber nicht zum Zweikampf, sondern als Trauzeuge.

Ich wünsche unserem Treffen einen guten Erfolg und bedanke mich schon jetzt dafür, dass ich am Ende klüger sein werde, als ich es im Augenblick bin. Das ist ein großes Geschenk. Dafür erneut Dank und allen den Ruhrgebietsgruß: Glück auf!

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