Als PDF herunterladen
  • 1.    Wie beurteilen Sie Serbiens Fortschritte in den wichtigsten Fragen auf dem Weg nach Europa?

  • Serbien hat einen enormen Schritt getan. Die neue Regierung stößt auf großen Respekt. Das Land hat sich für den richtigen Weg entschieden. – Der hat Kurven und Umwege. Es gibt Zweifel und Zuversicht, Überholer und Bremser. Aber eigentlich ist der Weg schon das Ziel. – Die Europäische Gemeinschaft ist nicht fertige Errungenschaft, sondern fortdauernder Prozess. Sie ist nicht Besitzstand, sondern Lebensweise. Ein ganzer Kontinent bewegt sich in eine neue Epoche des Miteinanders bei der Suche nach Antworten auf heutige und künftige Herausforderungen. – Serbien ist heute schon ein Teil dieses Projektes, auch vor der formalen Mitgliedschaft. – Man konnte das deutlich spüren. Die Hochwasserkatastrophe wurde von allen mit Schrecken und Anteilnahme wahrgenommen. Vor solchen Schicksalsschlägen verblassen Altlasten der Geschichte. Diese darf man nicht vergessen, aber sie dürfen der Zukunft nicht im Weg stehen. Ich nenne das „nach vorne erinnern“. Jedes Land der EU hat diesbezüglich mit sich selbst zu tun.

  • 2.    Meinen Sie, dass Serbien seine Hausaufgaben machen wird und die nötigen Reformen schafft?

  • Ich sehe auf Dauer keine Alternative. Ohne ein innerlich befriedetes und starkes Serbien ist auf dem Balkan keine dauerhafte Stabilität möglich. Das bedeutet Abbau ethnischer Spannungen durch föderative Strukturen. Vielfalt ist immer auch Reichtum. Es bedeutet verlässliche Politik über den Wahltag hinaus, Abbau von Korruption und Einbeziehung der Starken in die allgemeine Verantwortung. Die junge Generation braucht gebahnte Bildungswege und Aufstiegschancen. Die Marktwirtschaft kannibalisiert sich selbst, wenn sie ihre soziale Komponente negiert. Ihr Regierungschef ist ein klug abwägender Mann. Es bedeutet auch Zug um Zug Interessenausgleich mit den Nachbarn und den Aufbau regional intakter Handelsstrukturen. – Auch hier gilt: Es sind keine exklusiv serbischen Aufgaben. Jedes Mitgliedsland der EU hat solche in seiner To-do-Liste.

  • 3.    Welches sind die größten Herausforderungen für Serbien in den nächsten Monaten?

  • Hoffentlich nicht zu viele. Ich nenne mal eine besonders interessante:
    Die EU kann kein Interesse daran haben, Konflikte zu importieren, auf die sie selbst keinen Einfluss hat. Sie hat dagegen ein dramatisches Interesse an Lösungswegen für akute Spannungen an ihrer Ostgrenze. Diese resultieren zum Teil aus eingebildeten Ängsten, wobei es Europa möglicherweise versäumt hat, vorbeugend entspannend einzuwirken. – Serbien hat traditionelle Beziehungen zu Russland. Es sollte ihm gelingen, die Westannäherung zu suchen, ohne dadurch Streit mit Russland zu provozieren. – Vielleicht könnte es auf Dauer eine ausgleichende Brückenfunktion übernehmen und so die Antiquiertheit des alten Lagerdenkens nachweisen. Wir leben nicht mehr in dem Zeitalter, wo man sagte: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. – In Deutschland besagt eine Redensart „Schlechte Beispiele verderben gute Sitten.“ – Ich denke, auch die Umkehrung ist wahr: „Gute Beispiele verderben schlechte Sitten.“

    Als PDF herunterladen