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Ein Kommentar von Bodo Hombach

Man kann der Meinung sein, massenhaftes Fördern und Verfeuern kostbarer Bodenschätze sei Raub an den Chancen künftiger Generationen. Man kann die Überzeugung vertreten, die Bewohner des Raumschiffs „Erde“ sollten überhaupt nur gebrauchen, was sich erneuern lässt und verbrauchen, was von außen (z. B. Sonne) angeliefert wird. Man kann für sich persönlich entscheiden, eine franziskanische Lebensweise sei genug, vernünftig und gesund, der industrielle Wachstumswahn führe in die Sackgasse, und weniger sei mehr. Eine solche Haltung ist durchaus ehrenwert und legitim.

Was aber, wenn andere das anders sehen, nicht weil sie dümmer sind, rücksichtslos oder kurzsichtig, sondern weil sie andere Akzente setzen.

Man kann nämlich der Meinung sein, die Nutzung fossiler Energieträger (also die Sonnenenergie von vor einigen Millionen Jahren) erlaube Milliarden Erdenbewohnern ein bescheidenes Ein- und Auskommen. Man kann die Überzeugung vertreten, angesichts noch fehlender Alternativen müsse man sich mit traditioneller Technologie den zeitlichen Spielraum verschaffen, die Lösungen für Übermorgen zu entwickeln. Man kann die Ansicht vertreten, angesichts zerfallender Staaten im nahen und mittleren Osten oder des Rückfalls anderer in machtpolitisches Territorialverhalten sei die Versorgung aus eigenen Ressourcen und der Abbau von Erpressbarkeit eine wertvolle Option. – Auch das sind ehrenwerte Gründe.

Blickwinkel und Arbeitsteilung

Man mag es mögen oder nicht. Unterschiedliche Haltungen sind nicht in jedem Fall Niveauunterschiede auf der moralischen „Richterskala“. Sie resultieren aus einem bestimmten Blickwinkel mit der entsprechenden Wahrnehmung, auch aus einer vernünftigen Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Ein Wirtschaftsbetrieb soll konkrete Lösungen für akute Aufgaben liefern. Er braucht klare Rahmenbedingungen und zügige Entscheidungen. Gut, wenn die mit den Realitäten und Grundrechenarten sympathisieren. Die Politik kann sich den Luxus langer Debatten gönnen, in denen sich die Parteienlandschaft entfalten darf. Wieder anders ticken die Uhren von Wissenschaft und Kultur. Dort sucht man auf der Basis von neunundneunzig gesicherten Erkenntnissen den Beweis für die hundertste, und hier ist die radikale Gestaltung einer utopischen Vision das Ziel.

Kein Grund zur Resignation

Wohl aber Veranlassung für einen weiträumigen Diskurs, bei dem sich die Kontrahenten mindestens gute Absichten unterstellen und ergebnisoffen kommunizieren. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie eventuell gemeinsame Ziele oder Teilziele entdecken, dass sie sich über gangbare Wege verständigen und jeder die Gegenseite mit den eigenen Ansichten erreicht. Wer sich darauf verlässt, dass der Andere immer nur „bösewichterisch“ (Bertha von Suttner) agiert, ist seiner eigenen Gründe offenbar nicht sicher. Warum sollte man sich dann damit befassen!

Geliebter Albtraum

Beispiel „Fracking“. Schon das Wort hat es schwer. Es klingt im Deutschen wie „dreckig“ und „erbrecherisch“. Es weckt eher subkutanen Widerwillen als Appetit. Wenn es dann noch mit giftigen Chemikalien arbeitet, die unser Grundwasser durchqueren, und wenn es die Amerikaner fröhlich und massenhaft tun, die doch – was wir bei Karl May lasen – skrupellose Goldgräber sind, dann ist der Albtraum komplett. Die Deutschen verstehen es ja, sich im Albdruck so behaglich einzurichten, dass sie nur noch eines fürchten, daraus zu erwachen. Die öffentliche Aussage des NATO-Generalsekretärs Rasmussen, hinter deutscher Fracking-Angst stecke eine Gazprom-Kampagne, ließe sich wohl nicht belegen.

Es kostet nicht nur fachliche Expertise, sondern auch Mut, sich vor die Öffentlichkeit zu stellen und das deutsche „Fräckingsausen“ als unbegründet zu erklären. So jüngst Hans-Joachim Kümpel, Chef der Bundesanstalt für Geowissenschaften, im Handelsblatt. Es sei schwer, wissenschaftliche Argumente gegen diese Methode der Energiegewinnung zu finden. 16 geologische Dienste in Deutschland und alle in der EU seien der gleichen Ansicht – und das als interessenneutrale Fachbehörde. Außerdem arbeitet die Branche daran, den Chemikalieneinsatz zu reduzieren und komplett giftfrei zu machen. Einwände, die das Thema „kein Gift in unseren Boden“ mit Totenköpfen auf Plakaten illustrieren, werden demnächst wegfallen.

„Als der Schneider dies erfuhr, / ging’s im wider die Natur.“ (Wilhelm Busch).

Im Berliner Umweltministerium wurde diese Verheißung nicht etwa als Gefahrenabwehr und Glanzleistung der Wissenschaft begrüßt, sondern löste Sorgen aus. Leitende Ministerialbeamte schlugen Alarm. Wenn das Argument möglicher Gifte in Fracking-Flüssigkeit demnächst entfalle, solle man vorsorglich und schnell andere überlegen (der entsprechende Vermerk aus dem Bundesumweltministerium liegt der Redaktion vor). Mit anderen Worten: Fracking hin oder her, eines darf nicht geschehen: das letzte Wort dem als Gegner Ausgeguckten überlassen. Dann lieber mit der schlechteren Einsicht weiterleben.

Da kommt die Präsidentin des Umweltbundesamtes gerade recht. Sie wird Ende Juli aus ihrer Pressekonferenz wie folgt zitiert: „Ein Verbot der Schiefergasförderung sei rechtlich schwierig, aber man könne mit scharfen Leitplanken zum Schutz von Umwelt und Gesundheit einen verbotsähnlichen Zustand erreichen“. Das Bundesamt hat kürzlich Stellungnahmen (es entstand der Eindruck, es sei ein Gutachten des Amtes selbst) von verschiedenen Wissenschaftlern gesammelt. Darunter durchaus respektable. Für das geologische Kapitel verzichtete man allerdings auf die Expertise des geologischen Bundesamtes und auf in der Fachwelt bekannte und renommierte Wissenschaftler. Mit dem wichtigen Kapitel „Konkurrierende Nutzung und Naturschutz“ wurde stattdessen die Hamburger OECOS GmbH beschäftigt. Da fragt der erstaunte Bürger, warum in den komplizierten demokratischen Willensbildungsprozess gehen, wenn es mit bürokratischen Kniffen auch funktioniert? Auch der frühere Umweltbundesminister Trittin hat es darin zur Perfektion gebracht, wenn es sein musste, über die Brüsseler Bande gespielt. Aber er hätte seinen Trick wohl nie verraten und damit angreifbar gemacht.

Bei solchen Vorgängen sollten alle Sicherungen rausspringen und der Alarm flackern. Hier schlägt die Qualität der Debatte um. Sie verlässt die logische Ebene der Wahrheitssuche und betritt diejenige der Gesichtswahrung und verworrener Politinteressen. Sie will das Problem nicht mehr lösen. Sie will es parteipolitisch nutzen oder sie will es nur noch unterdrücken und im Grunde verbieten. Eine Exekutive, die sich nicht mehr der Wahrheit verpflichtet fühlt, ist mehr als der übliche politische Skandal. Von 300 Bohrungen in Niedersachsen konnte selbst der kritischste Rechercheur keine Hiobsbotschaft beschaffen. Nur die Nachricht, dem Land hätte es dadurch einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Kasse gespült.

Niveauabsenkung

Damit geht es nicht mehr um Techniken oder Haltungen bei der Energieversorgung, sondern um die politische Kultur des Landes. Die Methode der Auseinandersetzung ist nicht ein spannendes Drama aus Ideen, Kenntnissen, Charakteren und Temperamenten, sondern ein öder Austausch von Verlautbarungen auf niedrigem Niveau. Sie will nirgendwo ankommen, sondern nur noch auf der Stelle treten. Der Verarmung der Argumente ist keine Grenze mehr gesetzt. Für Wortbeiträge solcher Qualität ist die Atemluft oder das Papier zu schade. Koalition der Verständigen

Es könnte aber auch einen Vorteil haben. Es könnte bewirken, dass sich die ehrlichen Sucher ihrer Verantwortung wieder bewusster werden. Über die Lager der Befürworter oder Gegner hinweg bilden sie die große Koalition der Verständigen. Schon Friedrich Schiller spottete in seiner Jenaer Antrittsvorlesung über den „Brotgelehrten“, der das kümmerliche Aschehäufchen seiner Schulweisheit erbittert gegen jeden frischen Luftzug verteidigt. Dagegen hielt er den „philosophischen Kopf“, der sich im Bündnis mit allen kreativen Geistern über die künstlichen Trennungslinien hinwegsetzt, um die Synthese der scheinbaren Gegensätze wiederzuentdecken. Es geht um Pragmatismus, Rationalität und vernünftiges Abwägen.

Ist das weichgespültes Harmoniebedürfnis? – Ich denke nicht.

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