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In Zeitungen erscheinen Anzeigen: EXXON-Chef Gernot Kalkoffen bittet: Lasst uns über Fracking sprechen! Er argumentiert. „Ohne heimisches Erdgas ist die Energiewende nicht zu schaffen, und der Chemieeinsatz ist inzwischen ungiftig und biologisch abbaubar.“ – Auch die europäische Stahlindustrie wirft sich in einem ganzseitigen offenen Brief vor die Karossen der Regierungschefs: Macht uns nicht kaputt durch restriktiven CO2-Handel! – Redet mit uns!

Der Vorgang ist spannend. Bisher galt eine klare Arbeitsteilung: Die Wirtschaft entwickelte neue Konzepte und Technologien. Die Politik erkämpfte im öffentlichen Diskurs die nötigen Richtlinien und Entscheidungen. Neuerdings hält sich diese vornehm zurück. Jede Entscheidung könnte Unruhe stiften. Also ist keine das kleinere Übel. Sie erscheint sogar besser als eine gute. Wer nur noch Wahlen gewinnen will, setzt sich keine Laus in den Pelz.

Großprojekte der Infrastruktur sind immer auch politische Zielsetzungen. Sie lösen Kontroversen aus, stoßen auf Widerstand. Das sind zwar oft nur Wachstumsschmerzen, aber sie tun halt weh. Wer Parlamentarier wurde, weil er von jedem geliebt und ein starkes Harmoniebedürfnis hat, hat ein Problem. Auch für Richtiges hat er schon was „auf die Nase bekommen“. Er ist gebranntes Kind. Anstatt wichtige Wirtschaftsprojekte auf die Agenda zu setzen und das Für und Wider anzuschieben, frönt er dem Mephisto-Spruch „Drum besser wär’s, wenn nichts entstünde.“

Nun reagiert die Wirtschaft. Sie argumentiert. Sie appelliert. Sie sagt fast schon flehentlich: „Lasst uns darüber reden!“ – Aber wer redet mit ihr?

Die Politik zieht es vor, den Gefühligkeiten der Leute nachzugehen. Das „Fracking-sausen“ der Bürger steht über allem. Man hofft nicht auf Lösungen, sondern sucht einen Vorrat immer neuer Einwände, falls sich die alten erledigen sollten. So ein Beamtenvermerk für die Umweltministerin. Sollte man kein Gesetz gegen Fracking erreichen, wird man es halt bürokratisch verhindern, wie die Chefin des Umweltbundesamtes erkennen ließ. Die ganz lange Bank täte es auch.

Das wirtschaftlich nicht gerade kraftstrotzende NRW gibt den Frackinggegner Nr. 1. Auch wenn der Bundeswirtschaftsminister – immerhin – zulassen will, dass man mal darüber redet und bei Gelegenheit unschädliche Methoden ausprobiert, spürt jeder die langen Zähne. Die Leute haben gelernt, auch nonverbale Kommunikation zu entziffern. Als NRW-Umweltminister Remmel neulich im Fernsehen versicherte, Windrotoren werde man versetzen müssen, wenn sie durch zu große Nestnähe Vögel schreddern, sagte sich der geübte Zuschauer: Das muss ich sehen, um es zu glauben.

Ähnlich merkwürdig verläuft die TTIP-Debatte. Es gilt als ausgemacht, dass amerikanische Standards schlechter sind als die europäischen. Dabei ist es vielfach umgekehrt. Das „Chlorhuhn“ vollbrachte ein Wunder. Vor seiner Ekelvision gelten die deutschen Massenhähnchen plötzlich als quasi glücklich, gesund und bodennah, liebevoll geschlachtet im Beisein der Bezugsperson. Tatsächlich erkranken in Deutschland viele Tausende übel an Salmonellen durch unsauberes Geflügelfleisch. Vielleicht wäre die Chlor-Kur der Amerikaner das kleinere Übel.

Empathie ist schön und gut. Sie ersetzt aber nicht den rationalen Dialog. Wenn sich Politik verweigert und nur noch Stimmungsschwankungen aufnimmt, schwankt am Ende das Demokratieverständnis. Der Bürger vereinigt Gefühl und Verstand in seiner Person. Da darf er von seinen Repräsentanten verlangen, dass sie Befindlichkeiten verstehen, aber zugleich einen nüchternen Kopf bewahren.

Man nennt das Streitkultur. Zwischen „Basta“-Politik und „asymmetrischer Demobilisierung“ gibt es viele Abstufungen. Echte Gesprächsangebote loten die Untiefen der Probleme aus und steigern die Fehlertoleranz der Lösungen. Eine politische Klasse entwertet und entmachtet sich selbst, wenn sie wichtige Projekte reflexartig in die Abseitsfalle lenkt, nur weil sie nicht zugleich schon die öffentliche Zustimmung mitbringen, die positive Meinungsumfrage, die gute Presse.

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