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Meine Damen und Herren,

Nachrichten aus dem südlichen Osten Europas sind nicht die begehrten Aufmacher in unseren Zeitungen. Auch wenn unser heutiger Gast dankenswerterweise das Wichtigste in der F.A.Z unterbringen kann. Der Balkan ist ein blinder Fleck der öffentlichen Wahrnehmung: Erst, wenn ein aktiver Vulkan Feuer speit, richten sich die Kameras auf ihn. Der Balkan ist eine klassische und latente Krisenregion. Mit zu viel Aufmerksamkeit will man sich nicht die gute Laune verderben.

Einer, der uns mit viel Erfahrung und klugem analytischen Verstand informieren kann, ist heute unser willkommener Gast. Herr Michael Martens ist von der Zeitung, hinter der die klugen Köpfe stecken. Neuerdings beobachtet er die Region von Istanbul aus. Wir haben besonders dankbar zu sein, dass er heute hier ist, denn gerade sein neuer Standort ist aktuell im Brennpunkt des öffentlichen Interesses.

Ein Studienseminar ist nicht der Ort für Gefühle. Wir interessieren uns für Sachverhalte, Perspektiven und wirksame Kräfte und wollen uns ein Semester lang ein Bild machen von einer besonders farbigen und spannenden Region Europas. Bei den folgenden Treffen werde ich oft die Rolle des Gastgebers übernehmen. Heute möchte ich das Terrain unseres Themas mit einigen einführenden Bemerkungen abstecken.

Das Gebiet ist geografisch, kulturell und sprachlich schroff gegliedert. Das erschwert die Kommunikation der Bevölkerungsgruppen untereinander und mit ihrer Außenwelt. Schon die Römer hatten damit ihre Probleme. Sie waren immer nur Besatzer, nie wirklich Besitzer des Landes.

Jahrhundertelang war es eine Art „Knautschzone“ zwischen Europa und Asien. Die umliegenden Großmächte betrachteten es als Einfluss- und Aufmarschgebiet. Sie trugen Stellvertreterkonflikte aus. Ethnische und soziale Gegensätze boten Anlass, Konflikte zu schüren. Immer wieder kam es zu Grenzverschiebungen, Umsiedlungen und Vertreibungen. Die Staatsmacht wurde als Fremdherrschaft erlebt. Entsprechend schwach war die Loyalität der Einwohner.

„Balkanische Zustände“ galten im europäischen Sprachgebrauch als rückständig, emotional, korrupt, zersplittert, chaotisch, gewalttätig. Das war der unzivilisierte Vorhof des Kontinents, bestenfalls Schauplatz für Karl-May-Romane („In den Schluchten des Balkan“). Bismarck wollte dafür nicht „die Knochen eines einzigen preußischen Grenadiers“ opfern, und noch Churchill sprach von „Europas weichem Unterleib“.

Heute reden wir politisch korrekt von „Südosteuropa“ und gehen wertneutral gegen negative Konnotationen an. Eine Initiative der G9, NATO, OECD, OSZE und Europäischen Union von 1999 hat den Namen „Stabilitätspakt für Südosteuropa.“ – Ich hatte die ehrenvolle und schwierige Aufgabe, dieses Projekt im Auftrag der internationalen Gemeinschaft zu koordinieren.

Als ich in den Hauptstädten meine Antrittsbesuche machte, erklärte mir ein Ministerpräsident, er würde seinen Nachbarn nicht kennen und hätte auch keine Lust, ihn kennenzulernen.

Das war nach dem letzten Krieg erklärlich. Die Wunden waren vernarbt, aber noch längst nicht geheilt. – Dabei hatte es durchaus bessere Zeiten gegeben. Ein österreichischer Weltbürger wie Stefan Zweig konnte noch sagen, dass er vor dem Ersten Weltkrieg vom Schwarzen Meer bis nach Amerika reisen konnte, ohne seinen Pass vorzeigen zu müssen.

Tatsächlich gab es lange Phasen, in denen Muslime und orthodoxe oder katholische Christen, Albaner, Kosovaren, Bosniaken und Serben friedlich Tür an Tür lebten. Religiöse Gegensätze spielten eine viel geringere Rolle als man uns in Westeuropa glauben machte. Das kommunistische System hatte die Säkularisierung der Gesellschaft viel weiter vorangetrieben als etwa in der DDR.

Ich formuliere also eine erste These, die unser Interesse leiten könnte:

Die tieferen Ursachen für den „Krisenherd Balkan“ lagen nicht im Lande selbst, sondern waren das Resultat der Territorialpolitik europäischer Großmächte.

Seitdem die Türken 1683 vor Wien gescheitert waren, wurden sie von der k.u.k. Monarchie zurückgedrängt. Habsburg feierte sich als „Vielvölkerstaat“ und kaschierte damit sehr robuste imperiale Interessen. Im Nord-Osten verstärkte das russische Zarenreich den Druck. Moskau sah sich als das Dritte Rom und nutzte die Schwäche Istanbuls, um seinen Einfluss auszuweiten. Dabei spielte der Zugang zum Mittelmeer eine wichtige Rolle.

Im machtpolitischen Schachspiel des 19. Jahrhunderts ging es um Territorien. Die Völker wurden nicht gefragt. Sie begannen aber auch hier Ideen aufzugreifen, die sich in Westeuropa immer stärker artikulierten.

Ausgelöst von der Französischen Revolution und verstärkt durch die Romantik erstarkte das nationale Selbstbewusstsein. Es definierte sich über die Abgrenzung von den alten Regimen, aber auch von den benachbarten Völkern. Dazu entwarf man von sich selbst ein idealisiertes Bild, in dessen Schatten alle anderen als minderwertig erschienen.

Auf dem Balkan versuchten die Serben, ein Großreich zu errichten. Nationalisten kultivierten die Erinnerung an historische Wunden wie die Schlacht auf dem Amselfeld von 1389. Sie entdeckten den Kosovo als das Herz der serbischen Kultur, wo aber inzwischen 90% der Bewohner muslimische Albaner waren. Nationalistische, politische Bewegungen brachten rassistische Ideen ins Spiel. Der Panslawismus wurde der ideologische Überbau für Großmachtsideen und ein „natürliches“ Bündnis zwischen Serbien und Russland.

1914 war das Pulverfass gefüllt. Den Zündfunken lieferte das Attentat von Sarajewo eines serbischen Fanatikers – dessen eigentliche Beauftrager noch immer im Dunkel liegen – auf den österreichischen Thronfolger. Die Europäische Friedensordnung versagte komplett und brach kaskadenartig zusammen. Der Erste Weltkrieg wurde zur Ur-Katastrophe. Er erzeugte in einer mörderischen Kettenreaktion die meisten Kriege, Revolutionen, Diktaturen und Verfallsprozesse des nächsten Jahrhunderts.

Im Zweiten Weltkrieg versuchten britische Truppen auf dem Balkan eine zweite Front gegen die Achsenmächte zu eröffnen. Dies misslang und gab Stalin die Chance, die meisten Balkanstaaten der Sowjetunion einzuverleiben. Albanien und Jugoslawien gingen ebenfalls einen kommunistischen, aber relativ unabhängigen Weg. 36 Jahre hielt Tito die sechs Republiken Jugoslawiens eisern zusammen. Auch nach seinem Tod 1980 blieb das Land unter kommunistischer Kontrolle.

1987 brachen Spannungen im Kosovo auf. Der albanische Teil der Bevölkerung stand unter wachsendem serbischem Druck. Serbische Sprecher behaupteten das Gegenteil. 1991 begann der Krieg. Im Friedensvertrag von Dayton 1995 wurde Bosnien-Herzegowina aufgeteilt. Serbien reagierte mit ethnischen Säuberungen. Vier Millionen Menschen wurden vertrieben, um die Fiktion eines homogenen Nationalstaats zu realisieren. Der Bürgerkrieg zerstörte Städte und Dörfer und forderte 100.000 Menschenleben.

Er veränderte noch einmal die politische Landkarte. Heute teilen sich folgende Staaten die Region: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Rumänien und Serbien.

22 Jahre nach dem Bürgerkrieg suchen die Jüngeren eine moderne Zukunft für die Region. Sie betonen die gemeinsamen Wurzeln der Völker. Sie wollen offene Grenzen und hoffen auf den Anschluss an Europa. Sie erkennen am Beispiel der EU, dass die supranationale Struktur einer ökonomisch erfolgreichen und gesellschaftspolitisch freiheitlichen Staatengemeinschaft die lokalen Gegensätze überbrücken kann. Die Weichensteller in Brüssel können viel tun, um diese Hoffnung nicht zu vergeuden.

Es gibt Ansätze einer regionalen Zusammenarbeit, die auch den Versöhnungsprozess fördert. Ökonomische Interessen brauchen friedliche und planbare Verhältnisse. Der Tourismus wäre ein wichtiger Faktor, der auch die inneren Spannungen nivelliert.

Aber es gibt Hindernisse, die den Weg in die Moderne verbauen oder bremsen. Ich nenne fünf:

  • Korruption. Die junge politische Klasse hat zum Teil in Westeuropa und den USA gelernt. Mancher Heimkehrer entdeckt, dass er immer noch nicht reich ist und will das möglichst rasch beheben. Verantwortung für das Gemeinwohl gilt einigen als Schwäche. Staatsanwälte steuern durchaus dagegen, müssen dann aber um die eigene Karriere fürchten.
  • Wirtschaftsschwäche. Die einzelnen Staaten sind kaum in der Lage, eine starke Wirtschaft aufzubauen. Das kann nur in einer regional angepassten Gemeinschaftsleistung gelingen.
  • Politische Kultur. Das demokratische System ist jung und ungefestigt. Ämter werden nicht selten als persönlicher Besitz empfunden. Das Parteienspektrum hat eine schwache Mitte. Entsprechend leidenschaftlich und dramatisch vollziehen sich Wahlkampf und Machtwechsel.
  • Vergangenheit. Die Unzufriedenen und Benachteiligten sammeln sich in und hinter Parteien, die immer noch das nationalistische Ressentiment pflegen, zum Teil mit faschistisch-extremen Varianten.
  • Neue Grenzen. Bosnien-Herzegowina ist ein Konstrukt der Diplomatie, ungeliebt bei Serben und Kroaten. Es fehlt an der Bereitschaft, die konträre Interpretation der Geschichte im Dialog aufzuarbeiten. Slowenien, Tschechien, Bulgarien und Kroatien wurden Mitglied der EU. Die Wunden der Vergangenheit sind immer noch virulent.

Serbien erlebt eine erstaunliche Entwicklung. Gerade erst brachten Wahlen Aleksandar Vucic mit absoluter Mehrheit ins Präsidentenamt. Im Balkan-Krieg war er der Vertraute und Propagandachef Slobodan Milosevics, des Kriegstreibers der 90er Jahre. Vucic bekennt freimütig „Ich habe mich geirrt“.

Ich bin bereit, ihm zu glauben. Persönlich wie politisch verfügt er über die nötigen Mittel, sein Land in Richtung Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gedeihliche Nachbarschaft auf dem Balkan zu steuern. Wenn es ihm gelingt, auch mit Korruption und organisierter Kriminalität aufzuräumen, wird Serbien aus einem Schlüsselland des Konfliktes vielleicht zum Friedensmotor der Region. Im größeren Zusammenhang der EU könnte sich Belgrad auch mit der Abspaltung des Kosovo abfinden; zweifellos eine Vorbedingung der Mitgliedschaft.

Eines erscheint mir klar. Dasselbe Europa, das den Balkan einst für seine machtpolitischen Raubzüge benutzte und so seinen Zerfall betrieb, ist jetzt aufgerufen, sich mit ebenso viel Kraft, Fantasie und Geduld für seine Stabilisierung einzusetzen.

Soweit ein kursorischer Überblick. Ich bin sicher, es wird uns gelingen, im Verlauf des Semesters genauer hinzuschauen. In jeder Veranstaltung werden wechselnde Experten ihre Primärkenntnisse und –erfahrungen beisteuern und mit Ihnen diskutieren. Heute ist es, wie gesagt, Herr Michael Martens, seit vielen Jahren Korrespondent der F.AZ. ist.

Herzlich willkommen, Herr Martens, Sie haben das Wort.

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