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Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich begrüße Herrn Armin Laschet als unseren Einleitungsredner. Er ist seit 2012 Landesvorsitzender der NRW-CDU und stellvertretender Vorsitzender der CDU Deutschland. Von 2005 bis 2010 war er Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen. Er setzt sich besonders für den übergreifenden gesellschaftlichen Dialog ein. Herr Laschet studierte Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten München und hier in Bonn.

Herr Peter Maffay ist ein uns allen bekannter und populärer Musiker und Komponist. Er ist Gründer der Peter-Maffay Stiftung und Schirmherr der Tabaluga-Stiftung. Beide setzen sich für traumatisierte und hilfsbedürftige Kinder ein. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt er diverse nationale und internationale Auszeichnungen.

Prof. Dr. Markus Gabriel studierte Philosophie, Klassische Philologie, Germanistik und Neuere Deutsche Literatur in Hagen, Heidelberg und hier in Bonn. Seit Juli 2009 lehrt Prof. Dr. Gabriel als jüngster Philosophieprofessor Deutschlands Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher.

Dr. Alexander Kissler ist Literaturwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Moderator und Sachbuchautor. Herr Dr. Kissler übernahm 2013 die Leitung des Kulturressorts, „Salon“ beim Magazin CICERO. Er wird in unserem Interesse die Diskussion so leiten, dass wir in zwei Stunden klüger sind als jetzt.

Last but not least begrüße ich Herrn Rüdiger Oppers, der Repräsentant des DAX-Konzerns Evonik in Brüssel und Berlin und ab nächsten Monat Leiter des Zentralbereichs Kommunikation ist. Er war auch mal Chefredakteur der NRZ. Für die hat auch Karl Marx geschrieben. Herr Oppers vertritt seinen Chef Dr. Klaus Engel, der kurzfristig, aber aus schwerwiegendem Grund, verhindert ist.

Ich freue mich sehr, heute auch Herrn Prof. Dr. Andreas Bartels, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn und die anwesenden Professoren und Professorinnen der Universität Bonn und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg begrüßen zu können.

Sehr verehrte Damen und Herren,

ich erinnere mich einer Karikatur. Sie zeigte eine fünfköpfige Familie auf Wanderung. Jeder trug seinen Rucksack. Der Vater einen kleinen. Der jüngste Sohn den größten. Alle waren – mit Rucksack, also brutto – gleich schwer.

Es herrschte eine Form von Gerechtigkeit. „Das kann so nicht stimmen“, sagt der Betrachter. Er ahnt, dass er vor einem gewaltigen Thema steht.

Ein Wort geht um in unserem Land: Gerechtigkeit nicht erst seit dem jüngsten Wahlkampf. Ob real begründet oder nur gefühlt: Es gibt Gesprächsbedarf. Gewiss auf hohem Niveau. In der deutschen Geschichte gab es noch keine Phase mit einem solchen Maß an sozialer Sicherheit, Ausgleich der Interessen, Transparenz der Entscheidungen und Mitwirkungsmöglichkeit der Betroffenen.

Wer sich auf die Durchschnittswerte des statistischen Mittels verlässt, wird meinen: Leibnitz hatte Recht. Wir leben in der besten aller Welten.

Abstrakt errechneter Durchschnitt tröstet nicht. Einige leben konkret an der Unterkante, andere schweben über den Wolken. (Manchmal unverdient oder auf fremde Kosten.)

Menschen sind verschieden nach Herkunft, persönlicher Konstitution, Bedürfnissen. Versuche, sie diesbezüglich einzuebnen oder gar den „neuen Menschen“ zu erschaffen, sind gescheitert. Wenn Menschenrechte abgesprochen werden und die Chancen ungleich verteilt sind, entsteht Unruhe. Dann reden wir vom „Gerechtigkeitsdefizit“.

Wir erinnern Heinrich Bölls Erzählung „Die Waage der Balbecks“. Die armen Leute des Ortes bringen seit Generationen mühsam gesammelte Pilze und Beeren ins Herrschaftshaus. Je nach Fleiß und Ergebnis erhalten sie den ausbedungenen Lohn. Eines Tages entdeckt ein Junge, dass die Waage – zugunsten der Herrschaft – nicht richtig geeicht ist. Es fehlt ein Stück an der Gerechtigkeit. Das seit vielen Generationen. In ihm erwacht tiefe Empörung, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird.

Wahr ist auch: Gerechtigkeit ist nicht die parasitäre Existenz, die sich von der Allgemeinheit tragen und aushalten lässt, ohne sich selbst an der Schaffung des Gemeinwohls zu beteiligen. Solche tummeln sich nicht nur in der sogenannten „sozialen Hängematte“, sondern auch auf dem Börsenparkett. Gleiche Chancen haben, ist das eine. Sie zu nutzen, ist das andere. Wie sie genutzt werden, ist das Dritte.

Mit der Gerechtigkeit ist es wie mit dem Geld. Besitz ist ein geringeres Gut als Mangel ein Übel. Wir empfinden Gerechtigkeit als selbstverständlichen Anspruch eines menschenwürdigen Daseins. Wird sie uns vorenthalten, entstehen schlechte Laune und Widerstand. Das kann man eine Weile mit Machtmitteln niederhalten. Irgendwann wird er sich Luft und Raum schaffen – evolutionär oder revolutionär.

Ideologische Konzepte erklären die ganze Welt aus einem Punkte. Sie eignen sich, Massen zu mobilisieren, erweisen sich jedoch regelmäßig als Sackgasse. Die gewaltsame Durchsetzung von Gerechtigkeit für die einen bedeutet Ungerechtigkeit für die anderen. – Nach der Oktoberrevolution flüsterten die Leute: „Früher beuteten die einen die anderen aus. Heute ist es umgekehrt.“

Der praktische Politiker steht vor einem Dilemma. Die Komplexität der Aufgabe schüchtert ihn ein, er hat aber täglich damit zu tun.

Ist Gerechtigkeit eine moralische Kategorie oder eine der pragmatischen Vernunft? Welcher Entwurf irdischer Gerechtigkeit kann sich behaupten gegen die Ungerechtigkeit einer schweren Krankheit, eines frühen Todes, einer schiefen Nase oder des Schicksals, zufällig in Syrien geboren zu sein.

Ist Gerechtigkeit ein subjektives Gefühl, das mit den realen Tatsachen nur bedingt zu tun hat? Von innen betrachtet, sieht auch ein Hamsterrad aus wie eine Karriereleiter.

Gerechtigkeit ist ein Begriff, der sich im Lauf der Geschichte verändert. Handlungsgerechtigkeit, also das persönliche Bemühen um gerechte Entscheidung galt lange als Maßstab. Heute interessiert uns mehr die Systemgerechtigkeit der Verhältnisse, also der Strukturen des Staates und seiner Gesellschaft.

Schiller nannte als die beste Verfassung eine, die den gerechten Bürger hervorbringt, aber seiner nicht bedarf.

Ich freue mich auf den Ertrag dieses Tages. Ich hoffe, dass uns der schillernde Begriff klarer wird. Er ist bis quälend unscharf. Ich hoffe, dass er hinterfragt wird, wo wir ihn bisher als eindeutig verstehen.

Matthias Claudius hat uns seine wunderbare Geschichte über die gemeinsame Nutzung eines Rasens geschenkt.

Ich danke ihm, und ich danke Ihnen, dass wir uns nun gemeinsam dem spannenden Thema nähern.

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