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Sehr geehrter Herr Generalkonsul,
meine Damen und Herren,

wer einen Traum verwirklichen will, muss erst einmal daraus erwachen.

Wir haben eine bedeutende Persönlichkeit eingeladen, nämlich den Diplomaten Herrn Nebojsa Kosutic, den Generalkonsul Serbiens in Düsseldorf, der, wenn ich richtig informiert bin, der langgedienteste Generalkonsul ist. In der Wirtschaftsmetropole Düsseldorf setzt er sich besonders für die Wirtschaftsbeziehungen ein.

Als EU-Beauftragter für den „Stabilitätspakt Südosteuropa“ habe ich gelernt, an die Kraft des utopischen Denkens zu glauben. Eine Grunderkenntnis war: Der Friede braucht wirtschaftlichen Fortschritt, und ohne wirtschaftlichen Fortschritt gibt es keinen stabilen Frieden. Sicher sind demokratische Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit auch wichtig, aber es waren doch zu oft die sozialen Spannungen Ursache für Konflikte.

Die Hoffnungen an Europa sind in erster Linie die auf wirtschaftlichen Fortschritt. Da ist es eine große Freude, wenn sich Träume Zug um Zug in Realität verwandeln. Wie sehr die Realität Anlass zur Hoffnung gibt, werden wir erfahren. Wir werden erfahren, ob der Weg Serbiens nach Europa mehr Appell oder Interpretation ist.

Herr Generalkonsul Kosutic, Sie sind herzlich willkommen, und wir sind auf Ihre „Zeitansage“ gespannt.

Lassen Sie mich zuvor in groben Strichen das Thema und die Region, um die es geht, umreißen.

Der Balkan eignet sich als Krisenregion. Das Gebiet ist geografisch, kulturell und sprachlich schroff gegliedert. Schon die Römer hatten damit ihre Probleme. Jahrhundertelang war es die „Knautschzone“ zwischen Westeuropa und Byzanz, später des Osmanischen Reiches. Die umliegenden Großmächte betrachteten es als Einfluss- und Aufmarschgebiet. Ethnische und soziale Gegensätze führten immer wieder zu Umsiedlungen und Vertreibungen. Die Staatsmacht wurde als Fremdherrschaft erlebt. Entsprechend schwach waren ihre Legitimität und die Loyalität der Einwohner.

Aber auch das ist wahr: Vor dem Ersten Weltkrieg konnte ein Weltbürger wie Stefan Zweig noch sagen, dass er vom Schwarzen Meer bis nach Amerika reisen konnte, ohne seinen Pass vorzeigen zu müssen. – Tatsächlich gab es lange Phasen, in denen Muslime und orthodoxe oder katholische Christen, Albaner, Kosovaren, Bosniaken oder Serben friedlich Tür an Tür lebten. Religiöse Gegensätze spielten eine viel geringere Rolle als man uns in Westeuropa glauben machte.

Im eigenen Rasierspiegel sahen sich die Großmächte als fortschrittlich, pragmatisch, ehrbar, und friedfertig. „Balkanische Zustände“ galten dann bequemerweise als rückständig, emotional, korrupt und gewalttätig. Lange war man nicht fähig, die Region unter einer konstruktiven europäischen Perspektive zu verstehen.

Vor genau hundert Jahren war das Pulverfass gefüllt. Man wetteiferte darum, an der Lunte zündeln zu dürfen. – Das Ergebnis ist bekannt, und ich brauche die neuere Geschichte nicht zu referieren.

Nach zwei Weltkriegen, Diktaturen und Bürgerkrieg sucht die jüngere Generation eine moderne Zukunft für die Region. Sie wollen offene Grenzen in alle Richtungen. Viele setzen darauf, dass die Mitgliedschaft in einer ökonomisch erfolgreichen und gesellschaftspolitisch freiheitlichen Staatengemeinschaft die lokalen Gegensätze überbrücken kann. Die Weichensteller in Brüssel können viel tun, um diese Hoffnung nicht zu vergeuden. Die Alt-Europäer fallen jedoch leicht in die Pose des abgeklärten Ratgebers oder Zensurenverteilers. Sie fordern Fleißkärtchen, ohne sich das selbst etwas kosten zu lassen. Im Falle Serbiens erscheint es mir z.B. als dilettantische Diplomatie, einen Schulterschluss gegen Russland zu fordern und das Land so in einen aussichtslosen Konflikt zu treiben. „Brückenbau“ wäre die richtigere Methode.

Was mir Hoffnung macht: Die EU ist keine langweilige Klasse von Musterschülern. Sie ist ein ziemlich bunter Haufen aus Strebern und Faulpelzen, Überfliegern und Störern, Spielern und Erbsenzählern. Bis zum Reifezeugnis ist es für alle noch weit, aber man rauft sich zusammen. Man begegnet sich auf vielen Ebenen. Man redet nicht nur über, sondern auch miteinander. Man kann vorbringen, was einen bedrückt. Und wenn’s drauf ankommt, hält man zusammen.

Europa ist keine „Sache“, die irgendwer besitzen kann. Es ist ein Konzept und eine Methode, miteinander umzugehen. Wir verlernen es, auf strategische Landkarten zu starren und lernen stattdessen, in einem spannenden Feld von Kraftlinien und Ressourcen zu agieren.

Niemand ist verpflichtet, sich nicht irren zu dürfen. Das ist der elementare Vorzug demokratischer Staaten und freier Zusammenschlüsse. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. – Bei autokratischen Systemen ist es umgekehrt: Niemand darf sich irren, und das Ganze ist weniger als die Summe seiner Teile.

Unabhängig von der formalen Mitgliedschaft in der EU: Serbien gehört zu Europa. Wer über Serbien spricht, redet über Europa und umgekehrt. Wir sind uns viel näher als wir manchmal glauben, und bekanntlich verbindet nichts mehr als gemeinsame Probleme. Fünf Punkte erscheinen mir wichtig:

1. Jedes europäische Land sucht seine Zukunft und versucht, die Schatten der Vergangenheit zu bezwingen. Das heißt nicht, sie zu vergessen. Es heißt sie konstruktiv zu bearbeiten: Erfahrungen sichern, um sie nie wieder machen zu müssen. Gesetze und Institutionen schaffen, die länger halten als das Gedächtnis einer Generation. Und ein Verhalten einüben, mit dem man sich nach leidenschaftlichem Zusammenstoß am Lagerfeuer wieder trifft und berät: Was machen wir jetzt. Wo wollen wir hin? Ich nenne das „nach vorn“ erinnern.

2. Kein Land ist eine Insel (auch England nicht) und schon gar keine „Insel der Seligen“. Im globalen Ganzen braucht jeder Staat den Stoffwechsel mit anderen: Austausch von Waren und Ideen, freier Zugang zu den Handelswegen und Märkten. Wettbewerb miteinander statt gegeneinander. Das Spiel können alle nur gewinnen, wenn keiner verliert.

3. Die wirklich großen Aufgaben unseres Jahrhunderts (und aller folgenden) sind Strukturfragen mit globaler Dimension. Ich nenne nur Schuldenkrise, Armutswanderung, Ressourcenknappheit, Klimagefahren, Internationaler Terrorismus, Flucht und Vertreibung, Korruption. Sie respektieren keinen Schlagbaum, keinen Fluss und kein Gebirge. Sie sind nur im Zusammenwirken lösbar. Dabei entscheidet nicht mehr die Größe eines Volkes, sondern sein Ideenreichtum. Und manchmal hilft lästige Beharrlichkeit.

4. Die Geschichte Europas ist durch zahlreiche Wanderungen mitgeprägt. Alle hinterließen ihre Spuren und Nachkommen. Ethnische Minderheiten wollen ihre kulturelle Identität behaupten. Das erfordert von den Mehrheiten Toleranz und Einfühlungsvermögen. Solange wir ethnische Minderheiten nicht als Vielfalt und Reichtum begreifen, verursachen sie innere Armut und Konflikte. Föderale Strukturen mit Sprachenschutz und regionaler Selbstbestimmung können Spannungen abbauen und sie in positive Energie umwandeln. Nationale Identität ist in Ordnung. Nationalistisches Getöse mit Gleichschritt und Überlegenheitswahn ist antiquiert, pubertär und kontraproduktiv. Ich persönlich bin übrigens überzeugt, dass der nationale Sektor an Bedeutung verliert – zugunsten des regionalen.

5. Alle Staaten des Kontinents leiden unter egoistischen Einzel- und Gruppeninteressen, die unablässig versuchen, sich ihrer Verpflichtung für das Gemeinwohl zu entziehen. Eine demokratisch legitimierte Exekutive muss sich bemühen, das Heft wieder in die Hand zu nehmen. Wenn ihre Erfolge in der breiten Bevölkerung ankommen, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen.

Apropos „Vertrauen“. Das verdient – so meine ich – auch der gegenwärtige Staatspräsident Serbiens. Aleksander Vucic könnte Geschichte schreiben, indem er ein Beispiel dafür gibt, wie weit man aus der Vergangenheit in die Zukunft springen kann. Ich jedenfalls sehe, dass der mit überzeugender Mehrheit gewählte Ministerpräsident Vucic im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Worten gute Taten folgen lässt. Ich erkenne einen engagierten Kampf gegen Kriminalität und Korruption, ich erkenne das Ringen um mehr Rechtsstaatlichkeit, ich erkenne einen gesunden Pragmatismus und ich erkenne den Wunsch, die Gesellschaft zu versöhnen anstatt sie zu spalten. Ich sehe in Herrn Vucic einen Mann, der die Unterstützung verdient.

Meine Damen und Herren,

Psychologen haben herausgefunden: Ein heranwachsender Mensch wird stark und frei, wenn ihn ein möglichst großes und dichtes Netzwerk unkündbarer Beziehungen umgibt. Ich bin überzeugt: Das gilt auch für Völker und Staaten. Die Europäische Einigung bietet dafür Chancen. Die Gemeinschaftsidee ist der kontinentale Vorgriff auf eine friedliche Welt-Innenpolitik, ohne die eine Zukunft der Spezies „Mensch“ nicht denkbar ist.

Mein Appell an die Menschen in Südosteuropa: Lasst uns nicht allein! Zeigt uns allen, wie man das macht: Ausgleich in einem zerrissenen Land. Konstruktiver Umgang mit der Vergangenheit. Nachbarlicher Wettbewerb statt Erbfeindschaft. Föderale Strukturen statt Zentralismus. Offene Grenzen nach Innen und Außen.

Bringt eure Erfahrungen ein, eure Wunden und Narben, vor allem aber auch eure Hoffnungen!

Ich danke Ihnen.

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