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Verehrte Frau Ministerpräsidentin,
meine Damen und Herren,

Ministerpräsidentin Dreyer wohnt in Trier auf Tuchfühlung mit dem Heiligen Matthias, der einzige Apostel, der nördlich der Alpen begraben wurde.
Mir fällt die Geschichte vom alten Pfarrer ein: Bei nächtlicher Wanderung ist er vom Weg abgekommen. Er ist in ein Sumpfloch geraten. Die Lage ist ernst. Er schickt einen Hilferuf zum Himmel. (Schließlich hat er sein ganzes Leben für die Sache Gottes gear-beitet.) Ein Polizeiwagen taucht auf. Die Beamten wollen ihn aus dem Sumpf ziehen. „Verschwindet!“ herrscht der Pfarrer sie an. „Der da oben wird mich retten.“

Die Polizisten fahren davon. Der Schlamm steht ihm am Gürtel. „Ich habe dir immer treu gedient“, ruft er. „Ein kleines Wunder wäre doch nicht zu viel verlangt.“ Es kommt ein Feuerwehrwagen. Die Leiter wird ausgefahren. Wieder lehnt er ab. „Ich brauche euch nicht. Mein Gott wird mich retten. Ich glaube fest an ihn. Die Männer packen wieder ein und fahren davon. Nun steht ihm der Schlamm schon am Hals. Er ruft: „Es wird Zeit. Lass dir endlich was einfallen. Du kannst mich nicht im Stich lassen. Vom Himmel ertönt eine Stimme. „Was willst du noch? Ich habe dir die Polizei geschickt, dann die Feuerwehr. – Also bis gleich!“

„Chancen kann nur nutzen, wer sie sehen will.“
Wer einen Traum verwirklichen will, muss erst einmal daraus erwachen. Altmeister Goethe war überzeugt: „Man sieht nur, was man weiß.“ – Wie werden Chancen sicht-bar, damit wir sie nutzen können?

Ich will nicht vorgreifen. Ein Gedanke sei erlaubt: Es braucht einen realitätsnahen Blick auf die Gegenwart. Eine konstruktive Beziehung zur Zukunft. Zwischenmenschliche Kommunikation funktioniert, wenn die Beziehungsebene stimmt.

Signale der Zukunft können wir nur entziffern, wenn wir neugierig, manchmal tapfer auf sie zugehen. Sie zeigt sich erkenntlich durch eine realistische Bewertung unseres Handelns, auch durch die Entdeckung unbekannter Kräfte. (Nicht nur der eigenen.)

Das wäre viel, aber es ist nicht alles.

Physiologen lehren: Menschen haben die Fähigkeit der „Gestaltwahrnehmung“. Wir können verstreute Eindrücke zu einem Gesamtbild zusammenfügen: Töne zu einer Melodie, Farbkleckse zu einem Bild, Ideen zu einem Projekt, scheinbar chaotische Ereignisse zu einer geschichtlichen Periode.

Wir können Fragmente extrapolieren: Fehlendes aus Vorhandenem ergänzen, Kraftli-nien und Wirkungen fortschreiben. Rilke sagte nach der Betrachtung eines Apollo-Torsos:
„Du musst dein Leben ändern!“

Die digitale Revolution ist eigentlich Produkt eines Zerfalls. Die analoge Ganzheitlichkeit unserer Wahrnehmung war rund 5 Millionen Jahre die einzige. Sie zerlegte sich heuer in Bit-Muster. Eine Sprache aus zwei Vokabeln „Null“ und „Eins“. Alle beschreibbaren und berechenbaren Eigenschaften der Welt werden damit abgebildet. Wir fragen nach Sinn und Mehrwert für analoge Menschen.

Schaffen wir es, in einer Zeit greller Gegensätze mit ihren Reibungen, Zusammenstö-ßen und Missverständnissen, einen nachhaltigen Zusatznutzen zu entwickeln?

Verständigung und faires Miteinander zwischen den Geschlechtern, zwischen Einhei-misch und Zugewandert, Jungen und Alten, Links und Rechts, Mitte und Rand, Oben und Unten.

Haben wir die unruhige Geduld, die Zukunftsgestalt der Gesellschaft „wahr zu neh-men“? Wollen wir die Utopie eines „sozialen Gesamtkunstwerks“?

Hier in der BAPP geht es um praktische Politik. Auch vor einem unscharfen Hinter-grund. Es gibt einige Konstanten und viele Variablen. Keine Formel geht restlos auf. Da hilft Dialog und Diskurs, „klare Kante“ ist selten „klarer Kopf“.

Die Wahrheit ist vielschichtig. Wir haben zwei und mehr Seelen in unserer Brust. Wir planen hier nicht für den besseren Menschen, sondern für den besseren Weg.

Der umsichtige Chefredakteur des renommierten Handelsblattes, Herr Hans-Jürgen Jakobs, wird unsere hochkarätigen und exzellenten Diskutanten gleich vorstellen.

Frau Ministerpräsidentin: ich wüsste nur wenige, die zu unserem Thema so viel und so Gutes sagen können. Sie haben das Wort – und unser Ohr. Wir werden in eineinhalb Stunden klüger sein als jetzt. Dafür herzlichen Dank!
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