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Meine Damen und Herren,

ich grüße Sie zum Auftakt des Forschungsprojekts „Politische Kommunikation in Zeiten neuer Informations- und Kommunikationstechnologie.“ Wir werden Fakten zusammentragen, Erfahrungen austauschen, kluge Erkenntnisse gewinnen.

Der Schriftsteller Milan Kundera beschrieb uns als „Wesen, das beherrscht wird von der Wut des Verstehenwollens“. Es kann sich nie mit dem Für-sich-Sein der Dinge abfinden. Es fragt nach ihrer Bedeutung. Findet es keine Antwort, so bleiben ihm zwei Möglichkeiten: Es erklärt den Dingen die Feindschaft oder sich selbst für dumm.

Wer dieses Diktum nachvollziehen kann, ahnt, dass politische Kommunikation zentrales Thema der Zivilgesellschaft ist. Jeden wachen Zeitgenossen interessiert, nach welchen Regeln, in welchen Formen und mit welcher inneren Beteiligung das Zusammenleben gestaltet wird.

Das Ergebnis ist eine Formel mit wenigen Konstanten und vielen Variablen, eine Portion „Chaostheorie“, Erfahrungen der sprachlichen Semantik und pragmatischer Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation.

Ob wir uns Parolen an den Kopf werfen oder im fairen Dialog um gemeinsame Ergebnisse ringen, entscheidet die Qualität unserer Geschichte.

Egon Bahr plauderte mal aus dem Nähkästchen: Die deutsche Delegation sei in Moskau wie gewohnt aufmarschiert. Ein Heer von Juristen und Vertragsspezialisten. Sie waren bewaffnet mit dicken Nachschlagewerken und vorgefertigten Texten voller Fußnoten und Querverweisen. Jedes Detail sollte geklärt und völkerrechtlich absichert sein. Die Deutschen merkten bald, dass das so nicht funktioniert.

Die russische Seite wollte mit ihren Verhandlungsgegnern essen gehen. Sie brauchten wenigstens einen gemeinsamen Abend in der Kneipe. Dort lockerte sich die Stimmung. Man zeigte sich Fotos von Frau und Kind, erzählte von Hobby und Fußballklub. Dabei wuchs das nötige Minimal-Vertrauen. Aus Verhandlungsgegnern wurden Verhandlungspartner. Die Unterschrift unter den Verträgen war Ergebnis, nicht Voraussetzung des politischen Fortschritts.

Eine Anekdote, die aus der Zeit gefallen ist. Nicht nur im gegenwärtigen Ost-West-Verhältnis. Auch in der innenpolitischen Auseinandersetzung.

Unter den Kautelen der digitalen Revolution gilt das besonders. Deren unbändiger Drang zur Grenzüberschreitung erzeugt kollateral eine Flut von Verletzungen. Sie erzeugt schwarmhaftes Massenverhalten, Verrohung durch Anonymität und zugleich eine bisher unbekannte Differenzierung.

Gibt diese Differenzierung ein genaueres Bild der Wirklichkeit? Oder ist sie Symptom von Beliebigkeit, Auflösung und Verfall?

Wir haben angefangen, dem naiven Freak der schönen neuen Welt zu misstrauen. Das Menetekel des Kulturpessimisten beeindruckt uns weniger. Wir wollen genauer hinschauen und genauer wissen, aber auch praktische Schlüsse ziehen.

Ich vermute: Nach dem Durchgang durchs Digitale wird er wieder auftauchen, der „analoge“ Mensch. Verhältnisse entstehen durch Verhalten.

Politische Kommunikation beginnt nicht mit dem Vorwurf an den Gegner. Sie beginnt mit der Frage, die man an sich selber richtet. Politische Kommunikation ist nicht Begegnung zweier Seiltänzer. Sie ist kein Hochseilakt, wo man den Absturz der anderen Seite voraussetzt. Sie agiert nicht auf der digitalen Linie – der Eins – und schon gar nicht auf einem Punkt – der Null. Ihre Dimension ist die Fläche und besser noch der Raum. Sie akzeptiert nämlich ein paar Grundtatsachen der „Menschlichen Komödie“. Zum Beispiel: die innere Zerrissenheit des Individuums und die Polyzentrik der Gruppen, Parteien und Völker. Daraus ergeben sich Blockaden des „Entweder-oder“, aber auch die Lösungen des „Sowohl-als auch“.

Thomas von Aquin brachte es schon im 13. Jahrhundert auf den Punkt: „Ich darf meinem Meinungsgegner erst dann widersprechen, wenn ich das beste seiner Argumente überzeugender vortragen kann als er selbst.“

Ich danke dem Projektleiter, Herrn Prof. Dr. Thorsten Faas und Frau Daniela Hohmann, die gleich hier sprechen werden.

Ich danke Herrn Prof. Dr. Christoph Bieber, Herrn Holger Geißler, Frau Valentina Kerst, die daran anschließend untereinander und mit uns diskutieren werden. Herrn Dr. Christian Krell danke ich für seine Arbeit als Moderator der Diskussion.

Herrn Benjamin Sack danke ich dafür, dass er uns zusammen mit Prof. Dr. Faas einen Ausblick auf das Projekt geben wird.

Dem wissenschaftlichen Leiter unserer Akademie, Herrn Prof. Dr. Frank Decker, danke ich dafür, dass er das Closing Statement übernommen hat.

Herzlich willkommen! – Überlassen wir uns der „Wut des Verstehenwollens“!

Wir werden in eineinhalb Stunden klüger sein als jetzt und in paar Wochen noch klüger als heute. Dafür danke ich Ihnen schon jetzt.

Herr Prof. Dr. Faas und Herr Hohmann Sie haben jetzt unsere Aufmerksamkeit und unser Ohr.

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