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Meine Damen und Herren,

Sie kennen die Anekdote von dem Bischof, der zum ersten Mal die USA besuchte. Noch auf dem Flugfeld fragte ihn ein frecher Reporter: „Werden Sie denn auch ein Bordell besuchen?“ Schlagfertig schmunzelnd gab der Bischof zurück: „Ja, gibt’s denn hier auch Bordells?“ – Anderntags lautete die Schlagzeile: „Erste Frage des Bischofs: Gibt’s hier auch Bordells?“

Wir interessieren uns für die politische Rolle des Skandals in der Gesellschaft. Täglich werden wir damit konfrontiert.

Unser Gast ist Dirk Maxeiner. Er ist Journalist und Autor von Sachbüchern mit einem Hang zum Querdenken, wo andere in Schulterschluss und Gleichschritt fallen. Er schreibt in zahlreichen Zeitschriften, schwerpunktmäßig über Wissenschaft, Ökologie und Politik. Ein genauer Beobachter, gut impregniert gegen hysterischen Alarmismus aller Art und Couleur. –  Seien Sie willkommen!

Wir haben ein buntes Thema, und auch hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. Deshalb vorab ein paar Erkenntnisse und Thesen, die unser Interesse leiten können.

Es gibt den Faux-pas, den harmlosen Fehltritt, das berühmte Fettnäpfchen, in das der Ahnungslose tappt.

Der Eklat erzeugt ein größeres Beben, ist aber nur kurzfristig virulent, und somit eher folgenlos.

Eine Affäre kocht auf langer Flamme. Es gibt einen kurvenreichen Verlauf mit Spannungs- und Entspannungsphasen. Und es gibt Opfer.

Der echte Skandal ist dann das volle Programm.

Der Begriff stammt vom altgriechischen „skandalon“ und bezeichnete ursprünglich das Stellhölzchen einer Tierfalle. Wird es berührt, schnappt die Falle zu und man sitzt im Käfig – zum Gespött des Publikums.

Der Skandal ist die unerwartete Störung einer scheinbar geregelten Realität. Er erregt ein großes Umfeld. Er durchbricht den vertrauten Gefühlshaushalt der Leute, zeigt aber auch oft dessen Brüchigkeit. Er ist ein Stoffwechselprodukt der offenen Gesellschaft. – Diktaturen haben keine Skandale. Sie selbst sind einer.

Die politische Breitenwirkung des Skandals hängt von der Größe der betroffenen Gruppe ab. Es kommt zu Reaktionen in öffentlichen Kontroversen, Kommentaren, Leserbriefen. Unter Umständen erreicht der Fall die Gerichte. Nach und nach wird er wieder eingefangen. Man kehrt zum Alltag zurück, vielleicht ein wenig beschämt und nachhaltig beunruhigt. Oft aber auch innerlich gestärkt.

So gesehen ist der Skandal nicht nur ein Ereignis, sondern eine Methode, mit der sich die Gesellschaft ihrer selbst vergewissert.

Dabei spielen die Medien eine entscheidende Rolle. Sie sind nicht nur Spiegel der Realität. Sie sind auch Hohlspiegel. Manchmal Spiegelkabinett auf dem Rummelplatz. Sie wählen aus. Sie blähen auf oder verdichten. Sie verzerren. Sie sind nicht nur Faktum, sondern auch Faktor der Gesellschaft. Wie bei jedem Werkzeug entscheidet der Gebrauch über Nutzen und Wirkung.

Seriöse Medien bemühen sich, sachlich aufzuklären und abgewogen zu urteilen. Boulevardblättern geht es um den dramaturgischen Effekt.

Die sogenannten Neuen Medien sind für’s Skandalieren wie gemacht.

  • Ihre Mobilität macht sie allgegenwärtig.
  • Sie haben eine anarchische Grundstruktur.
  • Ethische Standards sind Glücksache.
  • Heilsames Vergessen ist quasi unmöglich.

In Sekundenschnelle entsteht eine gewaltige Öffentlichkeit. Aus der privaten Deckung heraus kann praktisch jeder einen Sturm entfesseln, dessen Wirkung nicht mehr zu steuern ist. Macht und Verantwortung stehen in keinem vernünftigen Verhältnis.

Ein Wesensmerkmal des Skandals ist seine widersprüchliche Deutung. Was den einen in Wallung bringt, lässt den anderen kalt. Große Skandale der Geschichte sind uns heute unbegreiflich.

Jeder Skandal ist anders. Er ist situativ und personal-bestimmt und somit nicht zuverlässig planbar. Und doch folgt er in der Regel einem Grundmuster aus fünf Schritten.

1.
Am Anfang steht ein Milieu, ein Schauplatz, eine konflikthaltige Situation. Sie braucht ein Ereignis mit möglichst breitem Interesse. Und sie braucht einen oder mehrere Protagonisten mit hoher Prominenz. Besonders ergiebig ist eine selbsternannte moralische Autorität, deren Fassade zusammenbricht. Je größer die Fallhöhe, desto dramatischer und tiefer der Absturz.

Die Presse eröffnet mit einer Schlagzeile. Sie weiß noch nicht viel. Also stellt sie bohrende Fragen. Das Publikum spürt eine gewisse Vibration, ist aber noch nicht sehr engagiert. Da helfen „Wir“-Botschaften, wie sie die BILD Zeitung meisterlich beherrscht. Sie vermitteln das Gefühl, als Kollektiv tangiert zu sein und reagieren zu müssen.

2.
Ankläger und Verteidiger betreten die Bühne. Die Medien wachen insgesamt auf. Was der eine nur vermutet, hält der nächste schon für erwiesen.

Der Beklagte wehrt sich impulsiv, empört, ungeschützt. Er macht erste Fehler, streitet alles ab, fährt Hilfstruppen auf. Das steigert den Jagdeifer der Meute. Die sammelt scheinbare oder echte Fakten.

Das Publikum sitzt senkrecht auf der Stuhlkante. Der Erregungszustand wächst. Die Auflagen oder Einschaltquoten steigen.

3.
Der Beklagte gilt nun als Täter, jede Gegenwehr als Eingeständnis. Für ihn rächt es sich, dass er nicht sofort alle Karten auf den Tisch gelegt hat. Wer immer nur das zugibt, was ihm gerade bewiesen wurde, ist nicht mehr Herr des Verfahrens. Er folgt widersprüchlichen Ratschlägen, verliert die Übersicht.

Talkshows, Leserbriefe, Blogger überbieten sich. Der Skandal wird zum Selbstläufer und zur Projektionsfläche für allgemeine Befindlichkeiten.

Wenn es der Fall hergibt, greifen die Gerichte zu. Die juristische Substanz erweist sich oft als unergiebig. – Zuweilen ergibt sich sogar ein Stimmungswechsel.

4.
Ein bisher unbekannter Zeuge taucht auf. Ein Ereignis lenkt die Aufmerksamkeit ab oder polt die Einschätzung um. Die Sache verläuft im Sand. Für den Protagonisten wird sie vielleicht trotzdem zur Katastrophe.

5.
Seine Karriere bricht ab. Er verliert sein Amt, sein Ansehen, sein Vermögen. Er versteht die Welt nicht mehr. Das Übermaß der öffentlichen Anschuldigung lässt ihm keine Chance, die tatsächliche persönliche Schuld wahrzunehmen.

Eine öffentliche Rehabilitierung will niemand mehr wissen. Medialer Freispruch ist unerwünscht.

Ein vorläufiges Fazit:
Skandale erlauben Rückschlüsse auf die Norm- und Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Grenzen werden nur durch Grenzüberschreitung sichtbar.

Skandale sind Kristallisationspunkte des kollektiven Verhaltens, aber simple Wenn-Dann-Formeln sind unergiebig.

Es geht nur oberflächlich um Tatsachen, eher um Meinungen, Anmutungen, Gefühle und Leidenschaften. Was wirklich geschehen ist, bewegt die Leute nicht annähernd so stark wie die Vorstellung, es könnte etwas geschehen sein.

Der eigentliche Skandal entsteht im Kopf. Blickwinkel und allgemeine Stimmungslage entscheiden, wie das Ereignis zu bewerten ist.

Skandale können eine Gesellschaft aufwecken. Hemmungsloses Skandalieren kann sie aber auch beschädigen und auf Dauer zerrütten.

  • Es finden sich immer weniger Bürger, die noch bereit sind, ein öffentliches Amt zu übernehmen und sich für bedeutende Projekte zu exponieren.
  • Das Vertrauen der Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit ihrer Repräsentanten unterschreitet die erträgliche Linie.
  • Legitimationsverlust der Regierung und Verdrossenheit der Regierten öffnen Demagogen und Rattenfängern ein weites Feld.

Der Skandal ist eine menschliche Konstante. Es wird ihn immer geben. Kulissen und Kostüme wechseln. Das Stück ist immer das gleiche. Man kann darin untergehen. Man muss aber wohl damit leben. Goethe reimte einmal:

„Die Flöhe und die Wanzen

gehören mit zum Ganzen.“

Herr Maxeiner, Sie haben das Wort.
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