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“Kühne Köpfe”

Im Ruhrgebiet findet im Mai die größte Schau mit zeitgenössischer Kunst statt: Chance für die Menschenrechte oder Propaganda für die Regierung in Peking? Ein Streitgespräch

von Christiane Hoffmans

Wams: Viele chinesische Künstlerinnen und Künstler sitzen wegen ihrer Meinungsäußerung im Gefängnis, stehen unter Hausarrest oder werden von den Behörden bewacht. Sie erheben nun aber den Anspruch, eine Ausstellung zu zeigen, die einen Überblick über die aktuelle Kunstszene Chinas geben soll. Das ist doch aufgrund der politischen Verhältnisse in dieser Diktatur gar nicht möglich.
Hombach: China ist eines der bedeutendsten Themen unserer Zeit. Kunst und Kultur ist der Politik immer voraus, wenn es gilt, den Austausch zwischen Gesellschaften zu fördern und Brücken zu bauen. Eine solche Begegnung wird Positives auslösen. Am Ende wissen wir mehr voneinander. Austausch bewirkt friedliche Veränderung. Dem Ruhrgebiet tut Internationalität gut.
Martin-Liao: Eine Ausstellung, die sich in einem so umfangreichen Maße mit chinesischer Kunst beschäftigt, birgt eine große Chance. Vor allem auch, weil die künstlerischen Positionen von unabhängigen Kuratoren der Museen im Ruhrgebiet ausgewählt wurden und nicht von Politikern.

Wams: Das klingt beschwichtigend. Betrachten wir die Organisation der Ausstellung von der praktischen Seite. Die Kuratorinnen und Kuratoren sind nach China gereist, um Ateliers zu besuchen. Wurden sie dabei von chinesischen Beamten begleitet oder bewacht?
Hombach: Die Kuratoren berichten, dass sie alle Künstler besucht haben, die sie sehen wollten. Es gab von chinesischer Seite keine Restriktionen, Bedingungen oder offizielle Begleitung. Keiner wollte uns davon abhalten, den sehr bekannten Herrn Ai Weiwei einzuladen. Der wollte aber in der Gruppe nicht mitwirken. Die Künstler sagten, dass sie im Atelier frei arbeiten können. Ich habe in dem Künstlerviertel „Fabrik 798“ in Peking hochpolitische Werke gesehen. Die haben auch die Realität in China deutlichst kritisiert.
Martin-Liao: Viele Künstler werden natürlich beobachtet, das geschieht allerdings recht lautlos. Doch man kann sagen: bis zu einem gewissen Grad haben sie Bewegungsfreiheit. Das China des Jahres 2015 kann man nicht mit dem der 60er- und 70er-Jahre vergleichen. Heute gibt es größere Freiräume, von Freiheit darf man in diesem Zusammenhang natürlich nicht sprechen. Immer mehr Künstler sind mutig und erweitern die Freiräume, die sie für ihre Arbeit brauchen. Es ist für die Behörden einfach nicht möglich, alles zu kontrollieren. Insofern glaube ich, dass die Auswahl der China-8-Künstler nicht staatlich gelenkt ist.

Wams: 84 Milliarden Euro gibt China jedes Jahr für Innere Sicherheit aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solch großes Projekt ohne Beobachtung der kommunistischen Partei durchgeführt werden kann.
Hombach: Das An-Institut der Bonner Uni „BAPP“, dessen Präsident ich bin, hat regen Austausch mit der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Hier werden Themen wie soziale Partizipation, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen diskutiert. Der offene Umgang mit sensiblen Themen von chinesischer Seite ist verblüffend. Ein Wissenschaftler sagte lächelnd: „Wir können alles sagen, nur nicht alles machen.“ China befindet sich in einem Transformationsprozess, den wir aus anderen Staaten kennen. Als EU-Sonderkoordinator für Südosteuropa habe ich gesehen, wie Freiheits-Prozesse in Gang kommen. Ich habe einen Blick für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Wir sollten unsere deutsche Denke und Maßstäbe nicht auf andere Nationen überstülpen. Das würde Austausch überflüssig machen. Durch ein Projekt wie China 8 wird vielen Künstlern der Zugang zur Welt ermöglicht.

Wams: Wem genau ermöglichen Sie den Zugang zur Welt? Selbst wenn die Kuratoren alle Ateliers besuchen durften, so wird sicher einigen Künstlern die Ausreise verweigert werden. Frau Martin-Liao, Sie haben im vergangenen Jahr für die Akademie der Künste der Welt fünf Künstler nach Köln eingeladen. Dreien davon wurde die Einreise verweigert. Sind die zwei, die reisen durften chinesische Staatskünstler?
Martin-Liao: Im Großen und Ganzen teile ich die Meinung von Herrn Hombach. Künstler dürfen wirklich alles sagen, teilweise sogar schreiben und online posten. Aber es gibt verschiedene Freiräume: Ein bekannter Künstler muss aufpassen, was er sagt und tut, ein Namenloser hat mehr Spielraum. Privat kann man sehr kritisch sein, und je mehr ein Künstler oder ein Schriftsteller sich gegen die Regierung stellt, desto besser verkauft sich sein Werk. Wenn ein Künstler zu stark nach der Staatspfeife tanzt, ist er für den chinesischen Markt nicht attraktiv. Das ist momentan die Logik des freien Marktes. Aber bei der Reisefreiheit stellt sich die Situation anders dar. Der Staat achtet sehr genau darauf, wen er aus dem Land lässt. Er hat Angst, dass irgendetwas gesagt, getan oder gezeigt wird, was schlecht für seinen Ruf ist. Nach meinen Erfahrungen mit Ausreisegenehmigungen achte ich nun sehr genau darauf, wen ich einlade. Dissidenten lade ich erst gar nicht ein.

Wams: Das heißt, Sie haben schon bei der Auswahl der Künstler eine Schere im Kopf.
Martin-Liao: Ja leider. Das ist jedoch keine Zensur, weil es dem Projekt mehr schaden würde, wenn ich fünf Einladungen ausspräche und keiner der Angefragten dürfte ausreisen. Meist spreche ich mit den Künstlern und frage sie, ob sie ausreisen dürfen. Trotz aller Vorsicht gibt es immer wieder Überraschungen.

Wams: Warum machen Sie diese Kompromisse?
Martin-Liao: China ist ein Land, das wir nicht ignorieren können. Unsere Welt rückt immer näher zusammen, und die Chinesen haben schon den Weltmarkt erobert. Das ist eine Tatsache, die wir respektieren müssen. Außerdem verlassen viele Chinesen ihr Land.

Wams: Wegen der eingeschränkten Freiheit?
Martin-Liao: Die Gründe sind in der schlechten Lebensqualität zu suchen. Die Menschen wollen saubere Luft, sauberes Wasser und unvergiftete Nahrung.

Wams: Das hört sich an, als sei der Freiheitsbegriff altmodisch?
Martin-Liao: Nein, ganz und gar nicht, aber man darf ökologische und – ganz wichtig –ökonomische Faktoren nicht außer Acht lassen. Egal in welchem Bereich, die Menschen orientieren sich zu sehr am Geld. Das ist zwar schlecht, aber manchmal besteht darin auch eine Chance.
Hombach: Die soziale Schere, ökologische Probleme und die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land sind enorm. Natürlich wollen auch politische Aktivisten, dass es ihrem Land gut geht und die Menschen nicht auswandern. Man sollte fragen: Unterstützen wir das falsche? Aber wer nichts macht, öffnet sich zwar nicht den Kritikern, aber er bewirkt auch nichts. Ohne Begegnung kein politischer Diskurs.

Wams: Also erst die Wirtschaft, dann die Freiheit?
Hombach: Die selbstverständliche Verpflichtung sich an moralischen Werten auszurichten, sollte den Blick für das Ganze nicht verstellen. Es muss einen vernünftigen Pragmatismus geben. Warum sollten wir klüger sein als chinesische Intellektuelle?

Wams: Dann ist China 8 ein Glücksfall für die chinesische Regierung?
Hombach: Es ist ein Glücksfall für uns, mit Künstlern und Intellektuellen einen Dialog führen zu dürfen. Ob es für die chinesische Regierung einer ist, weiß ich nicht. Wir haben kein politisches Mandat oder einen Auftrag der deutschen Regierung. Wir leisten einen Beitrag zur Freiheit von Kunst und Kultur. Das Projekt stärkt das Ruhrgebiet als Kulturregion. Das ist unser Stiftungsauftrag.

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