Sehr verehrte Damen und Herren,
lieber Herr Bundesjustizminister Maas,

wir haben ein Thema von Gewicht. Wir erkennen eine dramatische Veränderung der Streitkultur. Das Internet zeigt Folgen. Ein Netz fängt auf, aber auch ein.
Der Retiarius, der Gladiator mit dem Netz, Schwert und Dreizack, war einer der gefürchtetsten. Aber in einer Arena gab und gibt es Regeln. Welche gelten in unserer Internetwelt?

Lebensmittel demokratischer Gesellschaften ist der offene Diskurs. Der ist Werkzeug. Ob nützlich oder schädlich, ergibt sich im Gebrauch.

Streitkultur ist kein Selbstzweck. Sie hat ein Ziel. Sie will einen unbefriedigenden Zustand verbessern. Sie will ein gutes Ergebnis. Dazu braucht es Formen des Umgangs. Wir nennen das Umgangsformen.

Wie verbindend ist ein: „WIR“? Wie streitet man, um die Eigenschaft „Kultur“ zu verdienen?
Menschen haben unterschiedliche Charaktere und Temperamente. Sie argumentieren vor dem Hintergrund individueller Erfahrungen. Sie sind kein homogener Block. Sie sind oft in sich selbst gespalten und unentschieden.

Ihre Wahrnehmung ist nicht digital. Sie ist analog. Sie ist nuancenreich, und mehrdeutig. Umgangsformen helfen, Botschaften richtig zu verstehen. Am sichersten, wenn man sich persönlich gegenübersteht. Stimme ist immer auch Stimmung. Blicke sehen nicht nur, sie beleuchten auch. Mimik, Gestik, Körperhaltung interpretieren Gesagtes. Manchmal sagen sie dessen Gegenteil.

Ein vernünftiger Dialog unterstellt dem Gegenüber positive Absichten. Er sucht nach Schnittmengen. Man geht aufeinander zu, nicht aufeinander los. Man vermeidet starres „Entweder – oder“ und sucht ein lebbares „Sowohl – als auch“. Man respektiert den anderen als Gegner, nicht als Feind. Bis zum Beweis des Gegenteils ist er nicht „der Böse“, schon gar nicht „das Böse“. Man erstrebt keinen einseitigen Sieg, sondern gemeinsamen Frieden.
Beziehungsebene und Sachebene müssen unterscheidbar bleiben. Es ist sinnlos, in der Sache zu argumentieren, wenn die Beziehung gestört ist. Umgangsformen sind kein antiquierter Schmarren, sondern Voraussetzung der Verständigung.

Das ist nicht nur Methode. Es ist Haltung und Lebensweise. Wer sie missachtet oder ablehnt, verliert Wirkung und Erkenntniszuwachs. Er verharrt auf einer pubertären Entwicklungsstufe. Er verkauft sich unter dem Wert des zivilisatorischen Fortschritts.
Eigenbild und Fremdbild. Nur wenn sie zusammenkommen, entsteht Persönlichkeit.
Nun ist Internet. Wir machen uns Sorgen. Es wird höchste Zeit, dass wir sie uns machen. Es gibt erschreckende Symptome.

Vor zehn Jahren war Euphorie angesagt: Internet war schön und gut. Es gab wenig Mahnung zur Vorsicht! Man sah Chancen, kaum Gefahren.

Explosionen kann man nicht rückgängig machen. Wer in tiefes Wasser springt, sollte vor-her Schwimmübungen machen.

Wir waren naiv.

Technische Entwicklungen fragen nicht, ob sie geschehen dürfen und willkommen sind. Sie sind wie Naturgewalten, oft überraschend. Sie sind nicht demokratisch legitimiert. Sie warten nicht auf Parlaments- oder Parteitagsbeschlüsse. Der Markt entscheidet, was da raus wird.

Wer an der neuen Netzwelt zweifelte, war einsam. Die Medienpädagogen glaubten an eine andere Art Fernsehen. Dazu sei alles Nötige gesagt. Eltern sahen ihren Zöglingen freundlich über die Schulter. Sie hielten das flackernde Ding für einen Fortschritt der Spielzeugindustrie. Auch Politik war ahnungslos und sah keinen Handlungsbedarf.
Wer zweifelte, musste auch tapfer sein. Die Szene der Freaks fiel mit Hohngelächter über den „Grufti“ her. Der habe wieder mal nichts geschnallt und wolle die neue Freiheit gän-geln. Was sollte denn schlecht sein:

– an grenzenloser Kommunikation weltweit,
– am Direktzugang zu ungeheuren Informationsquellen,
– am Abbau von Herrschaftswissen und Machtmissbrauch,
– an neuen und schnellen Methoden des Marktgeschehens,
– am flinken Start-up vom Garagentüftler zum millionenschweren Weltunternehmen?

Aber das Internet überholte seine Erfinder. Gewagteste Prognosen waren schnell antiquiert. Mögliche und nötige Fragen waren noch nicht gestellt, als neue Eigenschaften schon sichtbar wurden: Globale Grenzenlosigkeit in einsamen vier Wänden. Kulturelle Ungleichzeitigkeiten im medialen Direktkontakt. Mögliche Verständigung, aber auch dramatische Missverständnisse. Aufwallungen und Verletzungen in einem neuen Ausmaß.
Info-Überflutung verhindert eingeordnetes Wissen. Relevantes und Nichtiges stehen gleichgültig nebeneinander.

Wir sind noch die gleichen Leute. Nun aber gibt es ein Instrument, das alles ins Uferlose multipliziert und verstärkt. Dessen Wesen ist Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht.
Jeder kann über einen Weltsender verfügen. Der verbreitet und empfängt ungerührt dümmste Albernheit und klügste Erkenntnis.

Das klingt entspannt. Das ist aber Illusion. Das eine wiegt das andere nicht auf. Weisheiten sind äußerst selten. Dummheit und Lüge sind massenhaft verfügbar. Eine Dummheit macht zwanzig Weise stumm.

Zurück zu den Umgangsformen:

Gehänselt wurde in der Schule schon immer. Heute geht das im Web mit brutaler Wucht. Zielscheibe sind oft Mitschüler, die als Außenseiter gelten oder dazu gemacht werden. Betroffene erleben eine schwerwiegende Eintrübung ihrer Kindheit.

Wir erleben Verlust der Intimität. Alles kommt ans Licht. Junge Leute experimentieren mit ihrer sozialen Identität. Nicht nur die Freunde lesen mit. Hinter jedem Facebook-Eintrag, hinter jeder Payback-Karte stehen Betreiber. Sie sammeln skrupellos Daten. Es entstehen präzise Profile. Die kann man für jeden Zweck missbrauchen.

Auch im politischen Streit korrodieren Umgangsformen. Scheinbare Anonymität, mühe-loses Spiel der Fingerkuppen senkt die Hemmschwelle für schlechtes Benehmen. Was man sich im persönlichen Gegenüber verkneift und in der Öffentlichkeit nicht traut, ist im Web mühelos möglich.

Anonyme Schmähungen werden in Fülle ausgekübelt. Emotionen verdrängen Sachverhalte. Niederschreiben ersetzt Argumentieren. Wer sich zeigt und mit klarer Haltung auf-fällt, wird schnell Objekt von Verleumdungskampagnen. Blogger, durch nichts legitimiert als durch sich selbst, drängen auf die Bildschirme. Schon verlangen einige nach Presse-freiheit und deren Rechte für ihr Tun.

Verlust an journalistischer Profession und an Streitkultur ist systemrelevant. Er zertrümmert Vertrauen in demokratische Methoden und rationale Methoden der Wahrheitsfindung. Verunsicherungsgewinnler stehen bereit, die Trümmer einzusammeln und zu entsorgen.

Ich hoffe, die folgenden Beiträge befreien mich aus der Melancholie, in die ich mich hin-eingeredet habe.

Unsere großartigen Gäste und nun Herr Bundeminister Maas stehen dafür, dass wir in zwei Stunden klüger sein werden, als wir es jetzt sind. Dafür vorauseilenden Dank. Sehr geehrter Herr Maas, Sie haben das Wort.